Full text: Das Hotel- und Gastgewerbe

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DAS HOTEL- UND GASTGEWERBE 
Freund der übermütigen Knabenzeit. Seit 40 Jahren hatten wir uns 
nicht gesehen, seit 30 auch nichts mehr voneinander gehört. 
„Harry?“ fragte er mit zuckender Lippe zurück und in seine Augen 
kam ein sonniger Schein. Seltsam. Seine Haare waren grau, fast weiß 
geworden, aber in den schönen braunen Augen lag noch immer der 
warme, strahlende Glanz der Jugend, 
Er war es wirklich. Und nun hub ein Erzählen und Fragen an, wie 
es die kleine, stille Kemnate des Schlafwagens Dresden-Frankfurt wohl 
noch nie gehört hatte. 
„Also auf dem Wege nach Baden-Baden bist du?‘ meinte Lothar. „du 
Glücklicher. Wie ich dich beneide. Weißt du noch?“ 
Ich wußte. Der Name, die seltsamen Doppelworte Baden-Baden hatten 
über unsere Knabenjahre einen wundervollen Märchenglanz gezaubert. 
Als zwei unverbesserliche und durch nichts zu heilende Leseratten ver- 
schlangen wir alles, was gedruckt war und in unsere Hände fiel. Zwischen 
zwei blutgetränkten Indianerschmökern war ein bilderreiches Heft über 
Baden-Baden unsere Lesekost geworden. Es ließ uns nicht mehr los. 
Tag und Nacht träumten wir von diesem zauberhaft schönen Fleckchen 
Erde an der rauschenden Oos. Was waren das schon allein für roman- 
tische Namen. Eine Stadt, die sich doppelt taufen lief und ein Bach, 
der Oos hieß. 
„Weißt du noch?“ fuhr Lothar fort. „Wir wollten beim reichen Onkel 
Christian einbrechen, mindestens hundert Mark — es schien uns ein 
fürstliches Vermögen — mausen, damit nach Baden-Baden reisen und 
die Spielbank sprengen. Dieselbe Spielbank, von der unser gedruckter 
Führer ausplauderte, daß das Baden-Badener Kurhaus die königliche 
Pracht seiner Gesellschaftsräume den Einnahmen aus dieser Spielbank 
verdanke. Daß die Bank gar nicht mehr bestand und wir einem ver- 
alteten Führer durch des Wunderbades Herrlichkeiten aufgesessen waren, 
wußten wir ja nicht.“ 
„Dann wollten wir im Viererzug bei der Herzogin von Hamilton vor- 
fahren, von der wir ebenfalls im Führer gelesen hatten und die uns als 
eine richtige badische Prinzessin mächtig imponierte‘“, unterbrach ich 
den wiedergefundenen Freund lachend. „Mit unsagbarem Hochmut 
wollten wir sie fragen: Was kostet Ihr Palais, verehrungswürdige Lady? 
Wir wünschen es zu kaufen.“ 
„Der Viererzug ist dann zum Sechserzug geworden. Mit ihm sausten 
wir die weltberühmte Lichtenthaler Allee auf und ab, immer wieder, 
vornehm und unnahbar. Erhaben sahen wir auf den zu Fuß wandernden 
Plebs der vielen Grafen, Barone und Kommerzienräte mit ihren feenhaft 
gekleideten Frauen und Töchtern herab. Der Schönsten wollten wir das 
Schnupftuch zuwerfen. So hatten wir mal von der Liebeswahl eines 
türkischen Paschas gelesen,“ 
„Mein Schnupftuch war allerdings nie ganz sauber,“ rief ich vergnügt, 
„und das deine war meistens nicht zu finden.“ 
„Im eleganten Trab bogen wir schließlich in den Garten des Kur- 
hauses ein,“ fuhr Lothar augenzwinkernd fort, „und parierten die 
schnaubenden Pferde dicht vor der Terrasse. Dort saß eine festlich 
geschmückte Menge bei Wein und Sekt und erschrak nicht wenig über
	        
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