Full text: Das Hotel- und Gastgewerbe

DIE KOFFERETIKETTE ALS REISENDER PROPAGANDIST 267 
Breite der vorderen Taschenwand liefen sonderbare Schnörkel, 
aus ehemals leuchtenden, jetz mattgewordenen goldenen und 
silbernen Perlen gearbeitet. Später erfuhr er, daß es ein ein- 
gestickter frommer Wunsch war und „Glückliche Reise“ lautete. 
An jenem Abend ging der kleine Kerl mit schwerem Herzen 
und tränenüberströmt zu Bett. Sein Vater hatte die Bitte, die 
Tasche mit in sein Zimmer nehmen zu dürfen, lächelnd aber 
fest abgeschlagen. 
„Was willst du mit dem alten Gerümpel?“‘ sagte er. „Morgen 
ist es dir schon gleichgültig und dann liegt die Tasche allen 
im Wege.“ 
Der Junge erwiderte nichts, weil er mit den Tränen kämpfte. 
Doch im Innern grollte er dem Vater, der so wenig von der 
Schönheit verstand und ein buntes Wunderwerk mit leuchten- 
der Perlenpracht altes Gerümpel nannte. 
Zehn Jahre später weinte der Junge trotz seiner beginnenden 
Männlichkeit wieder dieser Tasche wegen. War doch der Mann 
in ihm — er war schon fast vierzehn Jahre alt! — heftig gekränkt 
worden. Er sollte seine erste große Reise antreten und es fand 
sich keine passende Tasche zum Unterbringen der Habselig- 
keiten. Vater beratschlagte mit den älteren Geschwistern, als 
die Wirtschafterin triumphierend mit Großmutters vergesseher 
Reisetasche ins Zimmer stürzte. 
„Die kann er kriegen“, rief sie freudig bewegt und schüttelte 
die Tasche wie eine Fahne. 
„Mit der soll ich reisen?“ fragte der große Junge und das 
Herz schlug ihm bis zur Kehle. „Dann bleibe ich lieber zu 
Hause!“ 
Nun, diese äußerste Folgerung brauchte er nicht zu ziehen, 
denn sein älterer Bruder wurde erst von einem Lachkrampf 
und dann von Mitleid gepackt und lieh ihm seine eigene, schöne 
Rindledertasche. Aber er hatte die Wandelbarkeit irdischer 
Schönheit und die Wankelmütigkeit des Menschen zum ersten 
Male in voller Deutlichkeit an sich selbst erlebt. 
Von dieser Wandelbarkeit menschlicher Gunst wissen die 
treuen Freunde mächtig ausgebildeter menschlicher Reiselust 
gar manches Liedlein zu singen. Wo ist der „Reisesack“ ge- 
blieben, wo die braune oder graue „Segeltuchtasche‘”” und wo 
der buntgestreifte, mit starken Nägeln wie ein Bergschuh be- 
Schlagene turmhohe Reisekoffer aus massivem Holz? Sie sind 
im Orkus der Vergessenheit versunken, wie der Großmutter
	        
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