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eiserne Zusammenhalten kann die Arbeiter vor der völligen Vernichtung
ihrer besten Waffe, ihrer Verbände, bewahren. Denn die Gegner werden
immer mächtiger. So wie sich Erzbergwerke, Hochöfen, Stahlwerke und
Kohlengruben oft zu sogenannten „kombinierten Werken" zusammen
schließen und dem Willen einer Zentralleitung unterstehen, so werden auch
die zuerst lockeren Vereinigungen der Unternehmer derselben Industrie
immer fester, auch hier tritt schließlich eine Verschmelzung ein. Vorhin
zeigte ich euch zum Beispiel, wie sich die großen Elektrizitätswerke den ver
schiedensten Fabriken und Banken angliedern. Zugleich haben sich aber
auch diese Werke selbst immer mehr zusammengeschlossen und nicht nur in
einzelnen Staaten, sondern in der ganzen Welt. Es gibt heute nur noch
vier riesige Elektrizitätsfirmen, die sich in die Welt geteilt haben und unter*
I einander wieder durch Verträge und Vereinbarungen verbunden sind. In
ähnlicher Weise wird heute fast die ganze Petroleumproduktion der Welt
einheitlich geleitet. Herr Rockefeller in Amerika ist der fast absolute Herr
nicht nur über die Petroleumproduktion des größten Teils der Erde, ihm
oder vielmehr der Finanzgruppe, die er vertritt, gehören Schiffahrtslinien
und Eisenbahnen, er besitzt Erzgruben und Hochöfen."
„Ja, aber auf diese Weise besitzen ja wirklich ein paar Leute die Herr
schaft über die wichtigsten Produktionszweige der Welt", unterbrach mich
Wilhelm. „Da ist doch wirklich nicht abzusehen, warum die nicht unterein
ander Abkommen treffen, wieviel jeder produzieren soll, so daß dadurch die
Krisen unmöglich gemacht werden."
„So weit sind wir vorläufig doch noch lange nicht", antwortete ich.
„In Amerika nehmen allerdings die Kartelle und die Truste sehr rasch zu;
aber selbst dort sind eine Menge Industrien nicht so weit organisiert. Ihr
dürft ja nicht vergessen, daß diese Vereinbarungen um so schwieriger werden,
je mannigfaltiger die Artikel sind, auf die sie sich erstrecken. Es ist leicht,
den Preis von Stabeisen, von Zncker, von Petroleum, Spiritus u. s. w. zu
vereinbaren: viel schwieriger aber ist das zum Beispiel bei Maschinen, fast
unmöglich bei Luxusartikeln. Ebenso ist eine Vereinbarung zwischen gleich
Starken viel leichter als zwischen Unternehmern von ganz verschiedenen
Kräften. Die kleinen werden da eben meist nur gewaltsam gezwungen, sich
anzuschließen, auch wenn sie von der Vereinbarung eher Schaden als Nutzen
haben, oder sie werden ruiniert. Der Terrorismus, der hier herrscht, ist
unvergleichlich stärker als der Zwang, den hie und da Gewerkschafter auf
unorganisierte Arbeiter ausüben, sich dem Verein anzuschließen, an dessen
Vorteilen sie jedenfalls teilnehmen. In Europa, mit seinen verhältnis
mäßig kleinen Staaten, mit seinen ungeheuren, durch das Militär ver
ursachten Stenerlasten, mit seiner Politik, die den Kleinbetrieb aufrecht
erhalten will, mit seinen altererbten Gewohnheiten, geht die Entwicklung
trotz aller industriellen Umwälzungen doch nicht so rasch wie in dem jungen,
dirrch keinerlei Rücksichten gehemmten Amerika."
„Nun gut", warf Wilhelm hier ein. „Wenn auch die Entwicklung
noch nicht so weit ist, so gibst du doch selbst zu, daß sie in dieser Richtung
vor sich geht, daß also immer mehr die Produktion der ganzen Welt ein
heitlich wird. Da wäre es also doch möglich, die Krisen auszuschließen?"
„Undenkbar ist das freilich nicht," antwortete ich, „aber das würde
voraussetzen, daß. nicht nur die Unternehmer in jedem Staate sich zu un
geheuren Verbänden zusammenschließen, die die Leitung ihrer Betriebe
einer Zentralstelle überlassen, sondern daß diese Vereinigungen