DAS KAFFEEHAUS IN SEINER HEIMAT 507
interessante Stadt dieses erinnerungsreichen Landes führen, um
ihn mit einer ganz „echten“, typisch süditalienischen Gaststätte
bekannt zu machen. Unser Gedankenflug gilt der terrassen-
förmig ansteigenden Stadt am blauen Golf, von der uns gefühl-
volle Poetengemüter so oft vorschwärmten: Napoli vedere e
morire — Neapel sehen und sterben! Nun, ich habe das wirklich
wunderschöne Neapel im November 1908 zum ersten Mal
gesehen. Der Freundlichkeit des liebenswürdigen Lesers über-
lasse ich es, zu bestimmen, ob ich „morire“, also gestorben, oder
ob ich noch am Leben bin. Sollte er sich für den zweiten, mir
wesentlich sympathischeren Fall entscheiden, so lade ich ihn
zum Dank in die Osteria della Ciccia, die Neapolitanische
Osteria ein, deren Bild ich wiedergebe. Sollte der verehrte Leser
sich dann den Magen an einem jener für uns undefinierbaren
neapolitanischen Nationalgerichte nicht verdorben haben, die
in diesen Osterien zubereitet werden, so ist er reif für stärkere
Genüsse.
In meiner Jugend Maienblüte habe ich mit dem ganzen
Schmelz meines Mädchen betörenden lyrischen Tenors, der, wie
es in der Ballade von Bürger heißt, wie Gold aus der Kehle
quoll, gern und oft ein ungarisches Trinklied gesungen. Aber
auch dieses Gold ist zerronnen, als im August 1914 alles Gold
auf der Deutschen Reichsbank abgeliefert werden mußte. Jenes
feurige Lied begann:
Ungarland, du schönes Land,
Oh, wie sehn’ ich mich nach dir.
Dort gibt’s schöne Czikosmadeln,
Czikosmadeln lob’ ich mir.
Auf der Pußta, ohne Sorgen,
Teht der CzikosSs — —
Da verläßt mich mein Gedächtnis. Ich glaube mich aber zu
erinnern, daß der stolze Czikos mit dem schönen Czikosmadel
Nach‘ jauchzender Zigeunermusik den feurigen Czardas tanzte
und daß köstlicher Tokayer getrunken wurde. „Trinkt Tokayer,
der gibt Feuer!‘ In eine solche Gaststätte der ungarischen Pußta
lade ich nunmehr den Leser. Feuriger Tokayer und echt
ungarisches Gulyasz sei die Atzung. Aber was sehe ich? Mein
Photograph muß sich geirrt oder mich beschwindelt haben.
Dieses langweilige Dutzendzimmer ist nie und nimmer die