Dogma des Fortschrittsglaubens 19
schritt so tief Wurzel zu fassen vermocht, für jeden Ameri-
kaner ist ein geradlinig verlaufender Fortschritt nicht ein
Dogma, sondern etwas Beweisbares, ja eigentlich etwas, wor-
über nachzudenken sinnlos ist. Schlägt man den „Statistical
Abstract of the United States‘ auf, so findet man am Schlusse
umfangreiche Tabellen mit der Überschrift „Progress of the
United States‘ : in keinem europäischen Lande würde man auf
einen solchen Gedanken kommen, weil selbst dem fortschritts-
gläubigsten Europäer die Überzeugung von der Stetigkeit fehlt.
Der Amerikaner braucht nur diese Zahlen zu betrachten, nur
seine unmittelbare Umgebung mit ihrer Beschaffenheit vor
einem Jahre, vor 10, vor 100 Jahren zu vergleichen, um sich
den immensen Fortschritt sinnfällig und meßbar zu machen.
„Man frage einen jeden guten Franzosen, der in seiner Kneipe
seine Zeitung liest, was er unter Fortschritt versteht, und er
wird antworten, dies seien die Dampfkraft, die Elektrizität
und die Gasbeleuchtung, Wunder, die den Römern unbekannt
gewesen seien, und diese Entdeckungen bewiesen aufs deut-
lichste unsere Überlegenheit über die Alten.“ 23 Dies ist gewiß
auch heute noch die Meinung des Durchschnittseuropäers.
Wenn Baudelaire an der eben genannten Stelle den Fort-
schrittsgedanken „ein falsch weisendes Leuchtfeuer“, „eine
groteske Idee‘ nennt, so will er damit jene Meinung treffen,
die aus. dem beweislichen technischen Fortschritt auf einen
allgemeinen Fortschritt schließt. Das ist es, warum man in
Europa das Wort kaum noch ohne Gänsefüßchen zu setzen
wagt: „Glaubt irgendein Mensch im Ernst, daß der Chauffeur,