Full text: Meer und Weltwirtschaft

Anlagen des Engländers ausmacht. In dieser Beziehung ähnelt 
das moderne England dem alten Rom. Ueberall, wo das Inselvolk 
hinkam, fand es gewisse Aehnlichkeiten mit den Küsten seines 
Heimatlandes und nahbenachbarter Länder wieder, und so wuchs 
ein Gefühl der „Weltbeheimatung‘‘ in das englische Volk hinein. 
Der Seehandel ist nicht bloß eine Quelle des Reichtums 
für die Völker, sondern auch eine unerschöpfliche Quelle der 
Kraftäußerung der Völker. Vielerlei geistige Kräfte werden 
durch den Handel und die damit zusammenhängende Seeherrschaft 
ins Spiel gesetzt. 
In einem fast schon vergessenen, aus der ersten Hälfte des vergangenen 
Jahrhunderts stammenden Buche des Anton Freiherrn v. Mylius heißt 
es: „Ohne Handel — heutigentags insbesondere ohne Seehandel — kann 
die menschliche Gesellschaft gar nicht bestehen, Durch denselben ist unsere 
Existenz bei weitem angenehmer und gemächlicher geworden. Der Handel 
bringt das Gedeihen der übrigen Arbeiten, welche zur Begründung des 
physischen Wohlstandes erfordert werden, und schafft uns Reichtum und 
Freuden des Lebens. Die geistige Kultur ging großenteils aus der durch 
den Handel erzeugten Annäherung und Vereinigung der Menschen, aus den zu 
seinem Betriebe erforderlichen Kenntnissen und Verhältnissen, aus der Ver- 
breitung des Wissens durch seine Kolonien, aus dem durch ihn vervollkom- 
menten Staatsverbande, aus der durch ihn bewirkten Erweiterung und Ver- 
schönerung unseres Daseins, hervor. Der Handel verdrängt den Raub, be- 
dingt zu seinen Geschäften eine hohe Rechtlichkeit und ruft strenge Ge- 
setze zu deren Aufrechterhaltung hervor.‘* 
Die Seemacht, die sich auf Grund eines weitverzweigten See- 
handels entwickelt hat, ist nicht das Werk eines einzigen; viele 
müssen dabei mithelfen; und dadurch wird sie die beste Schule 
großer, viele Kräfte verbrauchender Völker. Friedrich Ratzel 
sagt treffend: „Durch die Geschichte der Menschheit geht ein 
Wachsen der Vertrautheit mit dem Meere und der Unterwerfung 
des Meeres unter Geist und Willenskraft.‘“ Dies Wachstum spricht 
sich kaum deutlicher aus als in der Vermehrung der Seevölker 
und Seemächte. 
A.
	        
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