Full text: Volkswirtschaftspolitik (2.1902)

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heit der Bevölkerung erleichtert das Wandern, und die erhöhte. Bildung 
steigert das Streben, sich in der Lebensstellung empor zu arbeiten und 
mehr an der Behaglichkeit des Lebens und dem Lebensgenuss teil- 
zunehmen. Schon hierbei liegt es nahe, dass die ländliche Bevölkerung, 
yesonders die Jugend das in den Städten Gebotene überschätzt. Das 
‘st. besonders auch in betreff der Lohnverhältnisse der Fall. Die dort 
als Tagelohn oder Gehalt gebotene Summe muss dem Landbewohner 
weit günstiger erscheinen, als sie in Wirklichkeit ist, weil auf dem 
Lande die Kaufkraft des Geldes eine grössere ist, als in der Stadt, 
während der Naturallohn auf dem Lande zu niedrig geschätzt wird. 
Lässt er sich dadurch verlocken, in die Stadt zu zichen, so erkennt er 
bald, dass jener Lohn ihm nicht eine entsprechend höhere Lebenshaltung 
ermöglicht, weil vor Allem schon die Ausgabe für die Wohnung 
einen übermässigen Teil davon absorbiert, und auch die übrigen 
Ausgaben wesentlich höhere sin‘, als auf dem Lande. Es fehlt deshalb 
nicht an Enttäuschungen bei den Wandernden. Der rapide Zuzug in 
lie Städte hat aber auch für diese selbst scine erheblichen Nachteile, 
indem dadurch der Wert des Grund und Bodens und die Mieten im Ucber- 
mass gesteigert werden. Die ganzen Wohnungsverhältnisse haben sich für 
die zusammengedrängte Bevölkerung dadurch erheblich verschlechtert. 
Beachtenswert ist dabei der Einfluss auf die Lohnverhältnisse, 
Die zuziehende Arbeiterbevölkerung besteht zum grössten "Teil aus un- 
verheirateten, oder doch erst mit kleiner Familie versehenen, im besten. 
Alter stehenden Personen, welche sich mit einem hnicdrigeren Lohne als 
Jie heimische Bevölkerung im Durchschnitte begnügen können, und da 
sie aus ungünstigeren Verhältnissen kommen, sich auch leichter mit 
weniger zu begnügen geneigt sind, Sie drücken deshalb die Löhne 
herab und machen der heimischen Arbeiterbevölkerung eine überwiegende 
Konkurrenz. Die Unternehmer bevorzugen die Zuzügler, die jung und 
zräftig und genügsam sind, und benutzen sie, um die verbrauchten 
älteren Arbeiter abzustossen, die dadurch vielfach in das Elend geraten, 
Natürlich ergeht es den Zugezogenen, wenn sie selbst heimisch und 
älter geworden sind, dann genau cbenso wie den von ihnen Verdrängten. 
Die Unternehmer sind geneigt diesen Zuzug nach Kräften zu begünstigen, 
durch welchen die städtische Armenkasse empfindlich belastet wird. 
Die Zurückschiebung der Zuzügler auf, das Land stösst aber auf be- 
zondere Schwierigkeiten, weil die Fabrikarbeit im Allgemeinen die Be- 
„ölkerung der ländlichen Thätigkeit sehr bald entfremdet. Der Fabrik- 
arbeiter ist nicht gewöhnt, sich allen Witterungsverhältnissen auszusetzen 
und in den meisten Branchen auch nicht schwere körperliche Arbeit 
zu übernehmen. Beides aber verlangt die landwirtschaftliche T’hätigkeit. 
Namentlich in etwas höherem Alter ist deshalb die Fabrikbevölke- 
cung auf dem Lande nicht zu verwerten, Die bessere Versorgung der 
Armen in den Städten ist ein weiteres Moment, die Arbeitsunfähigen 
nicht nur in den Städten zurückzuhalten, sondern sie noch besonders 
in dieselben hineinzuziehen. Nass durch diese Umstände sich Uebel 
mannigfaltiger Art herausbilden und die Verschiebungen nicht unbedingt 
als unter allen Verhältnissen günstige anzuschen sind, wird nicht bezweifelt 
werden können. Dazu kommt und muss berücksichtigt werden, dass 
wir sicher erst im Beginne der Bewegung stchen, welche in den nächsten 
Dezernien noch weit vrössere Dimensionen annehmen wird. Man muss
	        
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