Full text: Wirtschaftlichkeitslehre

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die nach dem Taylorsystem vorgingen, zum Teil übersehen wurde: 
man folgerte daraus, weil ein Arbeiter in zwei Minuten 20 Stück 
fertigt, daß er in einer Stunde 30 mal, in acht Stunden 240 mal 
soviel Stücke usw. fertigen werde. Das war ein Irrtum, führte tat- 
sächlich zu Überanstrengung, konnte übrigens nie voll erreicht 
werden, weil ein Arbeiter nicht den ganzen Tag und nicht an 
jedem Tag mit der gleichen Intensität arbeiten kann. 
In Wirklichkeit gibt es in allen Industrien sogenannte Leistungs- 
normen (bestimmte Größen der Intensität), nach denen gearbeitet 
werden soll, denn in vielen Fällen ist die tatsächliche Intensität 
kleiner als diese (optimale, normale) Intensität, in anderen Fällen 
größer: das eine wie das andere ist sowohl für den Arbeiter als 
auch für die Volkswirtschaft von Schaden. Ist die Intensität zu gering, 
so erhält die Volkswirtschaft nicht jenen Nutzen aus dieser Arbeit, 
der gerechterweise, bei rationeller Arbeitsorganisation, zu erzielen 
wäre; ist die Intensität zu groß, so liegt »Ausnützung« der mensch- 
lichen Arbeit vor, »Raubbau« an ihr, Zerstörung des Gleichgewichtes 
der Kräfte im menschlichen Organismus, Verkürzung der Lebens- 
dauer oder vorzeitige Invalidisierung des Arbeiters, wofür die All- 
gemeinheit, d.h. die anderen, zu früh und in zu vielen Fällen auf- 
kommen muß. Durchaus objektive Erhebungen des »Vereines für 
Sozialpolitik« über »Auslese und Anpassung der Arbeiter in der 
deutschen Großindustrie« (1910) zeigten, daß die durchschnittliche 
Lebensdauer dieser Arbeiter nicht über 40 Jahre ging, ihre Arbeits- 
fähigkeit sogar schon nach dem 36. Lebensjahre langsam abzusinken 
begann: die Arbeitskraft wurde offenbar nach dem Maximum, nicht 
nach dem Optimum genutzt. Nach dem 36. Jahre war der Arbeiter 
allerdings nicht vollinvalid, nur berufsinvalid, er konnte zu leichteren 
Arbeiten verwendet werden, mußte aber während seiner beruflichen 
Tätigkeit zu große Muskel- und Nervenanspannung, zu große Auf- 
merksamkeit und Willenskraft ausgeben, wozu er eben nach dem 
36. Jahre nicht und immer weniger tauglich war. Der Weltkrieg 
kostete der Menschheit 10 Millionen Tote, 14 Millionen Invalide und 
mehrere 100 Milliarden Dollar Sachschaden; aber wieviel mehr un- 
nötige Verluste bewirkt die Nichtbeachtung der arbeitsphysiologi- 
schen Gesetze in so vielen Betrieben! Für die weitere, gesunde und 
erfolgreiche Entwicklung der Volkswirtschaft lehrt die arbeitskund- 
liche Rationalisierung mit zwingender Deutlichkeit, daß die Leistungen 
’ptimal gehalten werden müssen. Dazu kommen nun noch die nicht
	        
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