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Die außerordentliche wirtschaftlich-soziale Wichtigkeit der richtigen
Erhebung und Behandlung jener Erscheinungen, die man »Ermüdung«
nennt, braucht wohl nicht erst bewiesen zu werden. Die objektive
Ermüdung kann nur durch entsprechende Ruhe und Ernährung
behoben werden, die subjektive Müdigkeit dagegen durch bloße
Willensanstrengung, allerdings nur im Rahmen der psychisch
zünstigen Einstellung des Arbeiters zum Betrieb und selbstverständ-
lich nur bis zur Grenze der objektiven Ermüdung, ferner unter
Berücksichtigung der allmählichen Abnützung des ‚Körpers als
Energiequelle. Die objektive Ermüdung möglichst zu verringern,
ist aus folgenden wichtigen Gründen ein Gebot der Arbeitsrationali-
sierung. Die Folgen der Ermüdung sind nämlich: Abnahme der
Leistungsfähigkeit nach Menge und Güte der Arbeit;. geringere
Sicherheit der Bewegungen, schlechtere Auffassung äußerer Reize,
laher größere Unfalisgefahr (was statistisch erwiesen ist) oder Fehler
Jeim Rechnen, z. B. in der Buchhaltung oder beim Schreiben, z. B.
nn der Korrespondenz; Verflachung des Gedankenganges, der Er-
müdete bewegt sich gerne, unbewußt, in »ausgetretenen« Gedanken-
bahnen, seine Aufmerksamkeit nimmt ab, ebenso seine Merkfähigkeit,
z. B. beim Diktat, in der Ablage u. a., es »haftet« nichts mehr im
Gehirn, es entsteht Zerstreutheit, was z. B. im Eisenbahndienst zu
schweren Katastrophen führen kann; die Stimmung wird schlechter,
die Reizbarkeit größer, Ärger, Verdrießlichkeit tritt ein usw. Durch-
wegs individuell und sozial höchst ungünstige Folgen.
Mit gutem Grunde verweist Professor Atzler am angeführten
Orte darauf, daß Krieg und Hungersnot die körperliche Wider-
standskraft weiter Volkskreise stark vermindert haben; um so mehr
st es ein Gebot der Arbeitsrationalisierung, haushälterisch mit dem
xeste der verbliebenen Menschenkraft, »unseres wichtigsten Besitztums«,
umzugehen. Wohl sind alle Kräfte anzuspannen, um die furchtbare
Xrise zu überwinden, aber nicht auf Kosten der Volkskraft. Jeder einzelne
soll zwar möglichst viel produktive Arbeit leisten, aber es ist unklug,
irrationell, wenn dies zu einer vorzeitigen Abnützung der Arbeitskraft
ührt; und dazu trägt auch die täglich sich wiederholende, zu große
Arbeitsermüdung bei. Physiologen und Techniker müssen vereint daran
arbeiten, jeden Arbeitsprozeß so zu gestalten, daß mit immer weniger
Ausgabe lebendiger Energie (Arbeitskraft) immer höhere Leistungen
arzielt werden (echte Rationalisierung) und davor warnen, sich nur
um höhere Leistungen zu bekümmern (falsche Rationalisierung )