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welche Wirkung die Rationalisierung auf die Lohnhöhe übe. So
befaßte sich auch der erwähnte Kongreß für sozialen Fortschritt
eingehend mit diesem Probleme. Im Berichte Professor Devinats!
wird ausgeführt, daß viele glauben, die Rationalisierung beabsichtige
und bewirke, nach dem amerikanischen Beispiele, eine Erhöhung
der Löhne. Andere dagegen befürchten eine Senkung der Löhne,
weil die Rationalisierung zunächst Arbeiter frei setzt, was naturgemäß
einen Druck auf das Lohnniveau übt. (Über die Frage der Arbeits-
losigkeit wird unten gehandelt.) Die Erhöhung der Löhne ist dort
zerechtfertigt, wo die Rationalisierung vom Arbeiter größere An-
strengung verlangt; die Rationalisierung ist aber oft rein arbeits-
technischer oder betriebsorganisatorischer Art, die Arbeitsintensität
aber wird nicht gesteigert und die höhere Stückleistung ist dann
auf” Umstände zurückzuführen, an denen der Arbeiter kein Verdienst
hat, so daß er eigentlieh keinen höheren Lohn beanspruchen könnte
Es ist unrichtig, wenn in der Debatte des Kongresses vielfach an-
genommen wurde, daß jeder Steigerung der Produktion auch eine
größere Anstrengung des Arbeiters entspreche. Devinat bemerkte hiezu
— mit vollem Rechte, wie wir glauben —, daß der Unternehmer
trotzdem gut tun wird, schon aus psychologischen Gründen,
höhere Löhne zu zahlen, weil er bei der Einführung rationeller
Methoden die willige Mitarbeit der Arbeiter braucht, um die
Reibungen im Verfahren oder Arbeitsflusse raschestens zu beheben,
die bei einer Umstellung des Betriebes so oft eintreten. Wir möchten
noch hinzufügen, daß man zwischen Stücklohn und Tages- oder
Wochenverdienst unterscheiden muß. Die Rationalisierung bewirkt
die Herstellung einer größeren Stückzahl, mithin automatisch einen
höheren Zeitverdienst, falls nicht der Stücklohn allzu stark herab-
zesetzt wurde (was psychologisch gewiß eine sehr verkehrte Maß-
‚egel wäre).
Eine andere lohnpolitische Frage ist die Hebung des Real-
lohnes, die durch die Verbilligung des Produktes — als eine häufige
Folge der Rationalisierung — bewirkt wird; dabei kann der Geld-
ohn sogar gleichgeblieben sein. Insbesondere von H. Ford wird
liese lohn- und konsumpolitische Absicht der Rationalisierung be-
ichtet. Devinat und andere Redner des Kongresses glaubten, daß
liese Auffassung für Europa nicht allgemein zu empfehlen sei
1 Vgl. den ausführlichen Bericht über diesen Kongreß in »Sparwirtschaft«, Heft 11,
1927 (Wien).