Präsident Hauser faßte die ganze furchtbare Lage, :zu-
gleich aber das eiserne Verantwortungsbewußtsein der
Christlichsozialen Partei damals in die Worte zusammen:
„.. Wir sind gezwungen, unser eigenes Todesurteil zu
anterschreiben, es bleibt nichts anderes übrig, wir
müssen...”
Die Kämpfe in der Sozialisierungsfrage waren der
Ausgangspunkt für die nach dem Friedensschluß am
17. Oktober 1919 neuerlich eingegangene Koalition mit den
Sozialdemokraten. Grundlage dieser Koalition war ein
Vertrag, in welchem bindende Abmachungen betreffend
lie Finanzreform, die Verfassung und Verwaltung, die
Räteorganisation, den Schutz der staatsbürgerlichen
Rechte, die Kommandogewalt bei der Wehrmacht usw.
getroffen worden waren. Am gleichen Tage wurde
neuerlich eine Regierung Renner gewählt, mit dem
hristlichsozialen Nationalrat Dr. Mayr als Staatssekretär
für die Verfassung. Neben den Verfassungsarbeiten war
3s auch das neue Wehrgesetz, an dem die Partei in
hervorragender Weise mitarbeitete und bei dem Doktor
Mataja als Referent bestellt wurde.
Der für den 28. Februar 1920 einberufene Reichs-
parteitag hatte ausgiebige Arbeit zu leisten. Er fand
;einen Abschluß in der am 2. März 10920 erfolgten Wahl
Kunschaks zum Parteiobmann. Diese mit Stimmenein-
helligkeit erfolgte Wahl war ein Ausdruck des unbedingten
Vertrauens in den christlichsozialen Arbeiterführer, ein
Zeichen der Zusammenarbeit der Partei in Wien und in
den Ländern.
Am 7. Juli 1920 wurde für die Uebergangszeit bis zu
den am 17. Oktober 1920 stattfindenden Wahlen, das
am Parteitag lebhaft diskutierte Proporzkabinett Mayr-
Hanusch gewählt, dem der bisherige Kanzler Renner als
Staatssekretär für Aeußeres angehörte. Die Zeit vom
August 1920 an gehörte dann der Wahlbewegung, die
alles in ihren Bann zog; und doch wurde am I. Oktober
(920 die Verfassung erledigt, durch welche Mayr in
unermüdlicher Arbeit alle Hindernisse überwindend
seinem Vaterland, dem nunmehrigen „Bundesstaat Oester-
reich”, die Grundlage des Bestandes gegeben hat; Wien
wurde dadurch ein selbständiges Bundesland.
Den Lohn für alle diese Arbeit im Dienste des Volks-
ganzen‘ bringt‘ der Wahltag, der 17. Oktober 1920 mit
32 christlichsozialen Mandaten, auf Grund von 1.204.012
Stimmen, denen 66 sozialdemokratische Mandate auf
Grund von 1,022.660 Stimmen gegenüberstehen. Der
neue Nationalrat tritt zum erstenmal am 10. November
1920 zusammen und wählt den Christlichsozialen Doktor
Weiskirchner zu seinem Präsidenten. Der Bundes-
sanzler der am 20. November gewählten Bundesregierung
Jesterreichs ist der christlichsoziale Innsbrucker Univer-
Sitätsprofessor Dr. Michael Mayr. Am 8. Dezember
wurde Dr. Ignaz Seipel zum Obmann der Christlich-
sozialen Vereinigung gewählt, eine Stelle, die er bald
mit der führenden in der Regierung vertauschen sollte.
Der Regierung Mayr war 1921 Schober gefolgt, der trotz
aller Versuche, Bemühungen und Versprechungen die
notwendige Auslandshilfe nicht erlangen konnte. Es
schien die letzte Stunde Oesterreichs geschlagen zu
haben. das Vertrauen in die Bestandsfähigkeit des
ungen Staates war in seinen Grundfesten erschüttert.
Die Flucht vor der Krone war allgemein.
In dieser Lage berief nach der am 24. Mai erfolgten
JDemission Schobers die Christlichsoziale Partei, ihrer
Verantwortung als der größten Partei des Nationalrates
wohl bewußt, ihren Führer Dr. Seipel an das Steuer
des Staates. Es gehörte zweifellos großer Mut dazu,
ıhne jede Machtmittel, im bloßen Vertrauen auf die
Kraft der Idee diese Aufgabe zu übernehmen.
Am 25. Mai 1922 bereits hatte Dr. Seipel der Christ-
ichsozialen Vereinigung ein Aufbauprogramm vorgelegt,
las in den Grundzügen folgende Punkte enthielt: Auf-
ıahme von Auslandskrediten, Bestrebungen der Regierung
jei der Reparationskommisston in Paris die Zurück-
tellung der Pfandrechte zu erreichen, eine ausländische
\nleihe als Grundstock für die zu errichtende neue
Jotenbank, Reform der Finanzverwaltung, Erhöhung der
Zundeseinnahmen, Selbstkostenbedeckung für die Bundes-
‚etriebe, namhafte Ersparungen für den Bundeshaushalt
nnerhalb kürzester Frist, Sicherheiten für die zu errich-
ende Notenbank, Verpflichtungen des Bundes, weder
:elbst Geld mit Zwangskurs auszugeben, noch die neue
3Zank für staatsfinanzielle Zwecke direkt oder indirekt in
\nspruch zu nehmen.
Die Christlichsozialen bildeten mit den Großdeutschen
ine Regierungsmehrheit und so wurde am 31. Mai 1922
las erste Kabinett Seipel von den nichtsozialdemokrati-
chen Parteien des Nationalrates gewählt. So ernst die
Zeit war, politisch war doch ein Fortschritt erzielt worden,
lenn zum ersten Male einigten sic alle bürger-
ichen Gruppen des Nationalrates auf eine einheit-
iche Marschordnung.
Die Etappen Prag-Berlin-Verona sind noch in unser
ler Erinnerung und zuletzt Genf, wo der Bundes-
zanzler des kleinen armen Oesterreich mit der ganzen
Craft seiner Ueberzeugung am 6. September 1922 die
Notwendigkeiten zur Rettung des Landes und -damit auch
Mitteleuropas darlegte. Vorher schon hatte er die Noten-
>resse stillgelegt und es waren auch andere Maßnahmen
zetroffen worden, um die Sanierung in Fluß zu bringen.
n einer geradezu aufreibenden Versammlungskampagne
»emühte sich Bundeskanzler Dr. Seipel dann auch, die
Zevölkerung für den Gedanken der Sanierung zu ge-
winnen.
Am 17. April 1923 wurde dann das zweite Kabinett
yeipel gewählt, bedingt durch die Verminderung der
/linisterien.
Mitten in die Auswirkungen der Sanierung wurden
ım 2% Oktober 1923 Neuwahlen durchgeführt, die
olgende Ergebnisse brachten: 82 Christlichsoziale
490.870 Stimmen, I5 Großdeutsche und Landbund
122,600 Stimmen, 68 Sozialdemokraten 1.311.870 Stimmen.
Von den alten Kämpfern der Christlichsozialen Partei
1at Dr. Weiskirchner, der verdiente Kriegsbürger-
neister Wiens, der Präsident des alten und auch des
ı1euen Parlamentes, nicht mehr kandidiert, er setzte sich
zur wohlverdienten Ruhe. Präsident des neugewählten
Jauses wurde der Christlichsoziale Wilhelm Miklas.
n der weiteren Folge kam es zu dem Attentat auf
Dr. Seipel, das ihn durch Monate von jeder Tätigkeit
ernhielt,
Am 30. September 1024 erst konnte Seipel, der Mann