Sexualkriminalistik.
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keineswegs ausschließlich außereheliche Erscheinung. Für
sozialistische Schulen, wie die von Owen, besteht die sittliche
Berechtigung zum Koitus überhaupt nur im Falle der abso-
luten Gegenseitigkeit des Verlangens 22,
Aus ähnlichen Momenten heraus ist auch von ärztlicher und
von ethischer Seite der erzwungene oder doch brüske Vollzug
des Beischlafs an der jungen Frau unter den Begriff der Not-
zucht gestellt worden. Das gilt vor allem für das Verhalten des
Bräutigams in der Brautnacht ??*, Hier ist Balzac mit seinem
Axiom im Recht: le sort d’un menage depend de la premiere
nuit2%, Es gilt aber auch für das übrige Eheleben. Im
sozialistisch beeinflußten Dänemark soll sogar ein Eherechts-
gesetzentwurf in Vorbereitung sein, welcher den seine Frau zum
Geschlechtsgenuß nötigenden Ehemann unter Strafe stellt.
Manche Ethiker gehen mit solchen Voraussetzungen einig 226,
228 Helene Simon, Robert Owen. Sein Leben und seine Bedeutung für
die Gegenwart, Jena 1905, Fischer, S. 192£.
224 Ehrenfels, S. 465; Amalie Skram, Verraten, München 1899,
Langen, S. ı4ff.; Grete Meisel-Heß, Fanny Roth, eine Jung-Frauen-
Geschichte, Berlin, Seemann, S. 56; Lily Braun, Memoiren einer So-
zialıstin, München 1909, Langen, S. 13; Ella Grün, Ehen werden im
Himmel geschlossen, in der „Zukunft“, Jahrg. XIX, Nr. 10. — Dazu kommt
noch ganz allgemein, wie sich Fourier schon 1808 ausdrückte, la publicit6
scandaleuse qu’on apporte parmi nous aux c6&remonies du mariage, o& Von
avertit une ville entiere que, tel jour, un libertin, un roue, va deflorer une
jeune innocente. (Charles Fourier, Theorie des quatre mouvements et
des destinees generales, 2° ed, Oeuvres completes, tome I, Paris 1841, aux
bureaux de la Phalange, p. 259g.)
225 Balzac, Physiologie du mariage, p. 58.
226 Besonders genau ausgearbeitet ist dieses Recht, zusammen mit dem
Recht der Frau auf das eigene Bett und die eigene Wohnung, in einer in
der Revue de morale sociale in Paris erschienenen Artikelserie von Lucien
Le Foyer, Esquisse d’un Code nouveau du mariage (3&me Annte 1901,
n. 10—12, vgl. z. B. p. 269ff.). — Über die juristische Seite der pri-
vaten Vereinbarungen zwischen Ehegatten im geltenden Eherecht vgl.
Martha Bänninger, Verträge zwischen Ehegatten über die personen-
rechtlichen Wirkungen der Ehe. Diss. Zürich, Innsbruck 192%, Wagner,
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