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Dritter Teil,
schon, aber sie kommen nicht dazu), ein anderer Teil ist ehelich
enthaltsam, wagt aber von dieser Grundsatzfestigkeit kein
Aufhebens zu machen, ja, man tut wohl selber so, als unter-
scheide man sich in nichts von der Majorität. Und die paar
jungen Männer, die sich bewußt der Sitte entgegenstemmen,
sind an den Fingern zu zählen. Es ist aber klar” daß damit
der außereheliche Geschlechtsakt den Nimbus des Ungewöhn-
lichen verliert‘“24%, Vielleicht muß dem noch eine weitere Aus-
nahme und Motivierung hinzugefügt werden: das christliche
Moment; aber freilich, allzu große Hoffnungen sind auch darauf
nicht zu setzen: die Zahl der christlichen Jünglinge beider Kon-
Fessionen, die sich nur aus religiöser Zucht des Geschlechts-
verkehrs enthalten, dürfte denkbar gering sein. Was unsere
Zwecke anbelangt, so wissen wir also über die Prozentsätze der
Männer, welche ihren Geschlechtstrieb bei Prostituierten oder
bei Frei-Liebenden befriedigen, nichts, oder doch wenigstens
nichts, was sich statistisch in Ziffern bringen ließe; von Selbst-
liebo und Homosexualität ganz abgesehen.
Der Begriff der Prostitution deckt die ethisch, zumal aber
ästhetisch und sozial verschiedenartigsten Erscheinungen. „Die
heterogensten Bilder führt sie uns vor Augen: leuchtende,
glühende Sonne, Gesänge, Tänze, Umzüge, geistvolle und ge-
lehrte Gespräche, Perikles und Aspasia, und dann: in dunklen
Gassen mit sich und der Welt zerfallene Geschöpfe, heimlich
gesucht und offen verleugnet, den Schutzmann auf der Ferse
und Schutz suchend bei dem Strolch, der sie mißhandelt und
ausplündert, krank und Krankheit verbreitend, auf die An-
<lagebank gezerrt, wo sie Meineide schwört, bald im Hospital
ınd bald im Gefängnis243.‘“ Hiermit sind die beiden Pole inner-
halb der extralegalen Erscheinungswelten der gewerblichen
Geschlechtsliebe treffend gegeben. Aber eben nur die beiden
sata Willy Hellpach, Unser Genußleben, 1. c., S. 104.
248 Schnapper-Arndt, Sozialstatistik, S. 525.