Protistution.
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Ebensowenig als die Prostitution kann die Zunahme bzw.
Abnahme der kecken und obszönen erotischen Kunst und
Literatur, als Reklamemittel264 und als Selbstzweck, als Krite-
rium der Entsittlichung oder Versittlichung eines Volkes dienen.
Fuchs bemerkt mit Recht, daß die erotische Karikatur ebenso
Dokument des Niederganges als Dokument des gärenden Kraft-
überschusses einer Gesellschaft sein kann265, Vielleicht kann
sie auch Dokument des Nichtvorhandenseins der Unsittlichkeit
sein 266.
Einige wenige Worte über das häufig behandelte Thems
Wirtschaftslohn und Prostitution.
264 „In einer Beilage zu den Verhandlungen des Ärztetages 1908 er-
stattet Dr. Reißig, Hamburg, einen Bericht über Geheimmittel- und Kur-
pfuscher-Anzeigen für das erste Vierteljahr 1908. Bezeichnend ist nun
seine nachstehende Feststellung: ‚Das Ergebnis, das die Durchsicht der
Jugend-Inserate lieferte, ist überraschend. Unter 277 Annoncen jeder Größe
finden sich allein 122, die sich mit dem Geschlechtsleben beschäftigen...
Wollte ein boshafter Kritiker die Abonnenten nach den Geheim- und Re-
klameanzeigen kennzeichnen, so würde er sagen: Ein Abonnement auf die
Jugend ist hauptsächlich geschlechtsnervenkranken Männern zu empfehlen.
Als Partnerinnen eignen sich allzu korpulente oder allzu magere, schlecht-
oder übermäßig behaarte Personen weiblichen Geschlechts mit mangelhaft
entwickelter Büste, Sommersprossen und Hautunreinigkeiten, denen für
eventuelle Fälle ein Buch über den Jenkbaren Storch und über schmerzlose
Entbindung den gewünschten Aufschluß gibt... Jugend und Simplizissimus
haben fast 50000 Mark im Jahre Einnahme für Geheimmittel- und Kur-
p£fuscherei-Inserate ... Wir haben also die betrübende Tatsache, daß zwei
der bekanntesten Blätter, die allwöchentlich gegen Verdummung und kapita-
listische Ausbeutung zu Feld ziehen und dem Dunkel das strahlende Licht
entgegenstellen, im Inseratenteil dem Heilmittel-Aberglauben des finsteren
Mittelalters huldigen.“* („Volksstimme“, Frankfurt. ı. Beilage zu Nr. 190,
15. August 1908.)
25 Eduard Fuchs, Geschichte der erotischen Kunst. Berlin 1908,
Hofmann, S. 284.
266 „M. Paul Adam voit une preuve de notre moralit& dans notre goüt
exclusiıf, manifeste au th64tre et dans le roman, pour les amours adulteres.
Le XVHIe siecle libertin eut la litt&rature des bergeries, de la sensibilit&
et de la vertu.‘‘ (Charles-Brun, p. 20.)