Prostitution.
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Widerstandsfähigkeit und einem zunehmenden Selbstverant+
wortlichkeitsgefühl der Arbeiterinnen??? Andere vermeinen,
die gleiche Wirkung beim Übergang der Fabrikbevölkerung
von der Fluktuation zur Stabilität zu erblicken??%, Noch andere
endlich wollen nicht an die Möglichkeit einer höheren Moral,
sondern nur an eine höhere Geschicklichkeit oder Bedenken-
losigkeit in der Umgehung der Folgen der Immoral glauben.
Ein sehr beträchtlicher Teil des männlichen Industrieprole-
tariats hält die freie Liebe für sein gutes Recht. Auch im Be-
wußtsein weiter Arbeiterinnenschichten herrscht dieses Krite-
rium durchaus vor und teilt sich sogar den gelehrten Bearbeite-
rinnen der Arbeiterinnenverhältnisse selbst mit. So heißt es
z. B. in einem ausführlichen Bericht über die Ladenmädchen in
München bezüglich deren sittlichen Verhaltens, die meisten der+
selben zögen es zwar vor, sich ihre Lebenslage durch den nahen
Verkehr mit einem Freunde angenehmer und behaglicher zu
gestalten, sie seien aber nicht auf schlechten Wegen?’4, Was
nach Maßgabe der Sachlage nichts anderes heißen kann als den
Anspruch auf Liebesgenuß, insofern dieser nur keinen käuf-
lichen Charakter annimmt.
Der Zusammenhang zwischen Fabrikarbeitslohn und Prosti-
tution als Lohnzusatz blieb indes nicht auf die Anfänge der
"212 Eduard Bernstein, Die Arbeiterbewegung, Frankfurt a. M., 1910,
Rütten, S. 181. — Am niedrigsten ist die Zahl der Illegitimen im Rheinland
und Westfalen, am höchsten zwischen der Elbe und Oder, so daß nicht die
Industriebevölkerung, sondern die ’agrarische mehr beteiligt ist. C. Keller,
Besprechung über Hugo Schröder, 1. c., S. 2718,
273 Paul Leroy-Beaulieu, Le travail des femmes au XIXe siecle.
Paris 1888, Charpentier, p. 243 ss.
214 Käthe Mende, Münchener jugendliche Ladnerinnen zu Hause und
im Berufe, auf Grund einer Erhebung geschildert. (Diss, München.) Stutt-
gart 1912, Deutsche Verlagsanstalt, S. 215. — Über die Sittlichkeit der
Münchener Mädchen bemerkte freilich schon Börne: „Die Liederlichkeit ist
hier (in München) so feste Regel, daß sie ohne Leidenschaft ist und gelassen
bleibt.“ (Ludwig Börnes nachgelassene Schriften, herausgegeben aus
seinem literarischen Nachlasse, Mannheim 1844, Bassermann, Bd. 1, S. 283.)