Krieg und Nachkrieg.
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In: Amerika ist der Loslösungsprozeß der Kinder vom Eltern-
hause ‚außerordentlich weit fortgeschritten. Die ‘Amerikaner
klagen selbst darüber, daß sie nicht: viel Familiengefühl be-
säßen. „Vieles von unserem allgemeinen Mangel an Stabilität,
die Hälfte unserer Verbrechen und die gesamte Schwäche des
Familienlebens entspringt daraus, daß. die Familie nicht ge-
pflegt wird. Kinder gibt es nicht, nur das Individuum als In-
dividuum. Der Mann, die Frau, jeder für sich, nicht als Zu-
sammengehörige85c,‘ Die Eltern seien vielfach unfähig, die ge-
schlechtlichen Bedürfnisse der heranwachsenden Kinder zu ver-
stehen. Daraus ‚entstehe dann das Mißtrauen, die Geringschät-
zung, die große Empfindlichkeit, der heftige Eigenwille in der
Haltung der heutigen Jugend gegenüber älteren Leuten, beson-
ders denen, die sie zu beherrschen und zu leiten haben: den
Eltern und Lehrern 8°, Das. ist die Revolt of Youth, die Re-
volte der heutigen amerikanischen Jugend. In bürgerlichen
Kreisen ist das junge Mädchen fast unumschränkte Herrin
ihrer Zeit, ihrer Zeitverwertung, ihres Umganges. Sie geht aus,
ohne die Eltern zu fragen, häufig ohne es ihnen anzuzeigen.
Tänze und Automobilfahrten allein mit jungen Männern sind
ganz an der Tagesordnung. Zugrunde liegt das Hochgefühl
der Rechte der Persönlichkeit. Als Schreiber dieses jüngst ın
Massachusetis weilte, machte ein Fall viel von sich reden: ein
junges Mädchen pflegte nächtlichen Automobilverkehr mit
einem jungen Manne, der von der Familie nicht gern gesehen
wurde. Als Vorhaltungen seitens der Eltern bei dem jungen
Ding auf unfruchtbaren Boden fielen, entschlossen sich die
Eltern, die ungehorsame Tochter nachts einzuschließen. Diese
stieg indes aus dem Fenster und in das nahestehende Auto-
mobil des Liebhabers. Das Eigentümliche der Angelegenheit
85€ Langdon Mitchell, Understanding America, New York 1927,
Doran & Co. p. 115.
85d Lindsey, 1. c., S. 30.