Full text: Sittlichkeit in Ziffern?

Fehlerquellen der Unehelichkeitsstatistik, 
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sammenhängenden Verbrechen, falls das reizbare Volks- 
empfinden eines Landesteils bestimmte Handlungen, die anders- 
wo zu keiner Empörung und keinen gesetzlichen oder doch zu 
keinen gewichtigen Bestrafungen führen würden, als un- 
moralisch ansieht und zur Sühne bringt. Die Häufigkeit des 
Gattenmordes könnte z. B. in diesem Falle für das Land, in 
welchem sie konstatiert wird, sehr günstig gedeutet werden 94, 
Ebenso die Häufigkeit der Denunziationen wegen Ehebruch %®5 
oder die für sehr solide Familiengefühle zeugender Schwager- 
morde aus Rache für die verletzte Ehre der Schwester®6. 
Auch der größere Leidenschaftlichkeitsgrad der verschiedenen 
Bevölkerungen - vermag Zu sexualkriminalistischen Unter- 
schieden zu führen, die nichts mit moralischen Werten zu 
9 Federico Garlanda, La Terza Italia. Lettere di un Yankee, 3. Ed,, 
Roma 1905, Soc. Ed. Laziale, p. 312. — Diese These darf natürlich 
nicht auf die Spitze getrieben werden. Die Zunahme von Verbrechern ein- 
deutig als eine unzertrennliche Begleiterscheinung der fortschreitenden 
Zivilisation zu erklären, wie es der bedeutende Rechtsphilosoph Gian 
Domenico Romagnosi in einem kritischen Bericht über die französische 
Kriminalstatistik 1827 getan hat, ist natürlich nicht angängig. Vgl. die treff- 
liche Widerlegung von Baron Raffaele Garofalo, Criminology, Boston 
z974, Little, p. 167ff. Dieselben Einwürfe wären auch gegen Masaryks 
entsprechende Kulturthese (Masaryk, Il. c., p. 3) anzuwenden, 
% Filippo Virgilii, La Criminalita italiana secondo le ultime stati- 
stiche penali e carcerarie, in der Scuola Positiva, XXI. Jahrg.. Nr. 9, Sep- 
jember 1911 (Separatabdruck S. 28). 
9 „In Rom gab es ein furchtbares Messerduell zwischen Schwägern. 
Zwei Bauern waren die Helden des Dramas. Einer konnte sich noch ins 
Spital schleppen, den andern fand man in der Nähe von San Lorenzo. Beide 
waren grauenhaft zugerichtet, aber keiner verriet den andern vor der 
Polizei. Die Ursache war die, daß der eine der beiden, dessen Frau krank 
im Spital liegt, eine neue Liebschaft angeknüpft und sich das Mädchen 
ins Haus genommen hatte. Deshalb die Herausforderung des Schwagers, 
des Bruders der verlassenen Kranken. Zwischen Schwägern sind in Italien 
Bluttaten sehr häufig. Meistens handelt es sich, wie im obigen Fall, um 
die Ehre der Schwester des einen, die mit dem andern verheiratet ist.“ 
(Wladimir von Hartlieb, Italien. Alte und neue Werte, Ein Reise- 
tagebuch. München 1927, Georg Müller, S. 222.)
	        
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