Full text: Reparations-Sabotage durch die Weltwirtschaft

Schlußfolgerungen für die Organisation des Geld- und Kapitalmarkts, 119 
nicht am Platze, denn es handelt sich um eine Wirtschaftsmaßnahme der „Kriegs- 
fortsetzung mit anderen Mitteln‘; man war bisher bei mehr konkreten Verbilli- 
gungsaktionen doch auch nicht gerade ängstlich. Bei letzteren handelt es sich, 
volkswirtschaftlich gesprochen, darum, daß der Konsument wegen direkter oder indi- 
rekter Zuschüsse aus öffentlichen Mitteln die vollen Selbstkosten irgendwelchen 
Konsums nicht aus eigner Kaufkraft herzugeben braucht, sodaß die Lieferbranchen 
dieses Konsums künstlich gestärkt werden und ein Zwangseingriff in die Wirtschaft 
und ihre Assortierung vorliegt; in unserem Steuerbefreiungsfalle dagegen wird nicht 
eine einzelne sondern alle Branchen durch das billigere Kapital begünstigt; das 
nachgelassene. Steuersoll wird — ohne Störung der Wirtschaft — wettgemacht 
Jurch automatisches stärkeres Fließen anderer Quellen, 
Der tragende Grundsatz der Steuer- und Stempelkostenbefreiung für auslän- 
disches Kapital muß sein, daß sämtliches in Deutschland investiertes Auslands- 
kapital generell in den Genuß der Befreiung kommt und damit relativ billiger 
als deutsches Kapital ist und außerdem absolut um diese Kostenspanne verbilligt 
wird. Eine spezielle, nur partielle Steuerbefreiung, etwa Kapitalertragssteuer-Be- 
freiung der Pfandbriefe für den Wohnungsbau, worüber innerhalb der Zentrums- 
partei Erwägungen angestellt worden sein sollen (siehe den soeben genannten 
Artikel der Industrie- und Handelszeitung) erreichen das Ziel einer allgemeinen 
Beeinflussung des Kapitalmarktes nicht. Ein zweiter Grundsatz einer solchen 
„Staatskosten-Befreiungsaktion‘“ für das ausländische Kapital bestände darin, den 
Nachlaß nur zu gewähren, wenn als Netto-Zins höchstens, sagen wir, 5% verein- 
bart sind oder wenn variabler Zins, der im Augenblick und vorübergehend höher 
sein könnte, stipuliert ist oder wenn Investierung in Aktienform mit gewöhnlicher 
Dividende und ohne störende Vorrechte der ausländischen Hand gewählt wurde 
usw. Hier liegt mithin zugleich ein weiteres Mittel, um die Zinspreisbildung zu beein- 
Aussen. Eine Marktbeeinflussung durch bewußte Politik ist hier grundsätzlich 
lenkbar, weil ja zur Zeit Reibungsverluste und preistreibende Momente bestehen, 
welche sich wirtschaftlich nicht rechtfertigen; es soll also nicht ein gewöhnlicher 
zwangswirtschaftlicher Eingriff versucht werden. 
Das wichtige Kapitel über die Beförderung der Kapitalbildung für inländische 
Rechnung durch Beseitigung der zahllosen sichtbaren und unsichtbaren eisernen 
Reifen, die man kreuz und quer und stark angespannt um den: Leib der Milch geben- 
den deutschen Wirtschafts-Kuh gelegt hat, steht hier nicht zur Debatte. 
Viel gewonnen im Sinne einer späteren und baldmöglichst eintretenden Zins- 
verbilligung wird schon dadurch, daß in größter Anzahl Geschäfte mit variablem 
Zins gemacht werden, denn zinskostenintensive Branchen, z. B. die Baubranche, 
vermögen dann mit einer wesentlich niedrigen Durchschnittsbelastung zu kalku- 
lieren und so Pläne auf lange Sicht trotz derzeit ungünstigen Zinsstandes bei 
ansonsten günstiger Marktlage ihrer Branche in Angriff zu nehmen, Dabei steht 
zu hoffen, daß wir zwar nur Schritt für Schritt, aber sicher das Zinsniveau von 
der Höhe einer exotischen Nation wieder auf dasjenige eines zentral-europäischern 
Großstaates zurückdrängen werden, denn zum Schutz der Währung ist nur 
vorübergehend und nur geringe zwischenstaatliche Diskontdifferenz zu unseren 
Lasten erforderlich, sobald einmal die Kapitalbildungsmaschinerie des Reparations- 
agenten von aller Welt erkannt und das Märchen von dem Kapitalimport nach 
Deutschland zu Ende ist. — Des Drucks, den der Staat oder das Reich rein als 
Aufsichtsinstanz hier auszuüben vermag, haben wir bereits gedacht, ebenso vor- 
stehend des wichtigen Instruments der Steuerbefreiung. Günstig in dieser Richtung
	        
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