Full text: Die russische Weltanschauung

Erkenntnis unabwendbar. Denn die Tatsache der Erkenntnis ist nicht 
nur im allgemeinen selber ein Teil des Seins, sondern auch — wenn 
wir den Begriff der Erkenntnis genügend tief fassen — eben derjenige 
Teil, in dem das metaphysische, sozusagen übernatürliche Wesen des 
Menschen am klarsten hervortritt. 
Diese kurze Andeutung mag hier genügen; es kann nicht meine 
Aufgabe sein, sie hier systematisch zu entwickeln. Sie dient mir nur 
als eine vorläufige Rechtfertigung meines Versuches, bei der Dar- 
stellung der russischen Weltanschauung meinen Ausgangspunkt bei 
ihrer Erkenntnistheorie zu nehmen. Ihre Grundlage bildet, wie gesagt, 
der Begriff der Lebenserfahrung. 
An der Schwelle der russischen Philosophie erscheint am Ende des 
18. Jahrhunderts die merkwürdige Gestalt eines Volksdenkers, des 
ukrainischen Denkers Skoworoda — einer Art von russischem Sokra- 
tes — der nicht nur sein ganzes Denken, sondern auch sein ganzes 
Leben dem Beweise widmet, daß wirkliches Wissen und Leben im 
letzten Sinne ein und dasselbe sind. Dann führt der eigentümliche 
russische philosophische Denker, der erste Slawophile, Iwan Kirejew- 
sky in die philosophische Literatur den Begriff des „lebendigen 
Wissens“, oder, buchstäblich übersetzt, des „Lebenwissens“ („schivos- 
nanie“) ein, als der einzigen Grundlage der wirklichen und vollen 
Erkenntnis, und stellt ihn in scharfer Pointierung der herrschenden, 
gewöhnlichen abstrakten Erkenntnis gegenüber. Auf der Forderung, 
dieses Lebenswissen zur Grundlage sowohl der ganzen individuellen 
Weltanschauung und Lebensführung, als auch der Gesellschaftsord- 
nung zu machen, gründet er sein Ideal einer organischen Totalität 
des Lebens im Gegensatz zu der im Westen herrschenden rationalisti- 
schen Zersplitterung und Erstarrung des Lebens. Und dieser Begriff 
spielt auch bei seinen Nachfolgern, z.B. bei Samarin und in der ganzen 
Literatur der Slawophilen eine grundlegende Rolle. Wl. Solowjew, in 
seinem theoretischen Hauptwerke „Kritik der abstrakten Prinzipien“, 
das im allgemeinen, im Anschluß an die soeben erwähnte Anschauung 
von Kirejewsky, dem Beweise gewidmet ist, daß die Wahrheit des 
Seins eine konkrete alleinige Totalität ist, die in keinem einzelnen 
abstrakten Prinzip weder im Erkennen noch in der Sittlichkeit adä- 
quat und erschöpfend dargestellt werden kann, entwickelt in diesem 
Zusammenhange auch eine eigentümliche Erkenntnistheorie, deren 
Kern in einer Theorie des Glaubens, als lebendiger Erfassung des 
Seins, besteht. Weder der Inhalt der sinnlichen Wahrnehmung, noch 
der des rationalen Denkens gewährt uns einen wirklichen Zugang 
zum Sein, zu der Wirklichkeit. Die Empfindungsdata sind eben nur 
als solche, und nur für den Augenblick ihrer Wahrnehmung, also in 
rein subjektivem Sinne gewiß; die Ideen aber, oder allgemeinen Be- 
griffe des rationalen Denkens besitzen andererseits eine rein hypo- 
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