Die Besonderheit des durch Tributzahlung entstehenden Saldos unserer Zahlungsbilanz. 43
schaffen, wie es normaler Weise der „glückliche Gläubiger“ einem stark verschal-
deten Debitor gegenüber tun müß? Der Grund liegt in der Diskrepanz zwischen
Jer abstrakten Verschuldung und der abstrakten Unmöglichkeit der Tilgung des
Saldos auf der einen Seite und den konkreten Schuldverhältnissen der einzelnen
Personen und der juristischen Möglichkeit der konkreten Zahlungserzwingung
auf der andern Seite. Denn bei normaler und freier Wirtschaft greift hier ein
automatischer Konsolidationsprozeß ein, den wir im vorigen Abschnitt ausführlich
geschildert haben und der diese Diskrepanz durch privatwirtschaftliche Finanz-
transaktionen und aus Egoismus der handelnden Personen verschwinden bzw.
nicht wirksam werden läßt. Bei normaler und freier Wirtschaft erfolgt
hüben und drüben solange Schuldübergang und Forderungsübergang von Hand zu
Hand, bis sich hüben langfristige Anlagezinszahler und drüben langfristige An-
lagezinsnehmer gefunden haben, welche zueinander passen. Etwas anderes ist
unmöglich, und nur dieses kann geschehen, und es ist so sicher, wie einstweilen
Jie Anziehungskraft der Erde sicher wirkt.
Daß bei dem Wandern der Forderungen von Hand zu Hand im Auslande und
bei dem Wandern der Schulden von Hand zu Hand im Inlande die deutsche Wäh-
rung trotzdem nicht zerstört wird, da ja jeder Handwechsel einen Druck auf den
Markkurs bedeutet, wurde ausführlich dargelegt. Die internationalen Zinsdiffe-
renzen, die zusätzlichen Kursgewinnchancen bei der internationalen Geldleihe, die
„große“ ‘und die „kleine“ internationale Devisenspekulaton, endlich der Anreiz,
gerade bei schlechtem Stande der Mark aus der kurzfristigen. in langfristige Anlage
„umzusteigen‘, sind die Kräfte, welche dem Druck eines Passiv-Saldos auf den
Wert der Mark entgegenwirken an tausenden und abertausenden Stellen der
Weltwirtschaft und damit die konkrete Zahlungserzwingung in die abstrakte „Zah-
(ungsverweigerung‘“ umwandeln, Wir sahen weiter, daß an diesem für die nor-
male Weltwirtschaft geltenden System sich durch den zwangswirtschaftlichen Ein-
griff der Reparationslasten nichts wesentliches geändert hat, sodaß es auch heute
noch funktionieren muß. Wären diese geheimen, wegen ihrer Relativität nicht
jedem Auge sichtbaren Kräfte tatsächlich nicht vorhanden, so hätte seit der Stabi-
lisierung der Mark diese immer von neuem in den Orkus fallen müssen angesichts
unserer großen Importe und der Reparationszahlungen. ....
Nicht die unwichtigste dieser Kräfte ist die Devisenspekulation, die davon
lebt, daß sie auf ein Umschlagen der Wechselkurse nach Erreichung der tiefsten
und höchsten Kurspunkte — in der Zone der Goldexporte und -importe — speku-
liert. Sie hat, wie schon gezeigt, im Zeitalter des Dawes-Planes eine besondere Note,
die in diesem Zusammenhang nochmals unterstrichen werden darf. Die Dawes-
Bestimmung, daß die Transferierung der deutschen Reparationszahlungen die
Markwährung nicht tangieren dürfe, bedeutet einen Freibrief für die Devisen-
Spekulanten der ganzen Welt. Die Transfereinschränkung bedeutet, daß die Spe-
kulanten, wie wir sahen, bei Annäherung an die deutschen oberen Goldpunkte mit
ziemlicher Sicherheit ihre Kursbremsgeschäfte einfädeln können, fast mit voller
Garantie, daß sie höchstens die Spesen ihrer Geschäfte, nicht aber Kopf und
Kragen durch einen Zusammenbruch unserer Währung verlieren können.
Die Garantie, daß die wohltätigen Kursbremsgeschäfte der Devisenspeku-
lation nicht durch Überraschungen seitens des Reparations-Agenten gestört werden
dürfen — das ist ja der materielle Sinn der Bestimmung —, ist fürwahr die
wichtigste Bestimmng des Dawes-Planes, Wäre es nicht so, daß durch einen Zu-
sammenbruch der deutschen Währung die Reparationsgläubiger noch stärker ge-
schädigt würden, so könnte man überspitzt sagen, daß in dieser Bestimmung ZuU-