Full text: Das Erkenntnisproblem in der Philosophie und Wissenschaft der neueren Zeit (Bd. 1)

Psychologische und geschichtliche Analyse des Erkentnisprozesses, g 
Hier treten, auf breiterem Raum, die bestimmenden Faktoren 
schärfer und klarer auseinander; hier scheiden sich, wie von 
selber, die unfertigen und verfehlten Ansätze von den notwen- 
digen und dauernd wirksamen Motiven. Nur zum Teil freilich 
handelt es sich in dieser allmählichen Herausarbeitung der Grund- 
momente um einen völlig bewussten Prozess, der auf jeder Ein- 
zelstufe zu deutlicher Bezeichnung und Aussprache gelangte. 
Was in die bewusste philosophische Reflexion einer Epoche ein- 
geht, ist zwar ein wesentlicher und triebkräftiger Bestand ihrer 
Gedankenarbeit; aber es erschöpft dennoch nur auf den wenigen 
geschichtlichen Ausnahms- und Höhepunkten deren vollen Ge- 
halt. Lange bevor bestimmte Grundanschauungen sich in strenger 
begrifflicher Deduktion heraussondern und abgrenzen, sind in der 
wissenschaftlichen Kultur die geistigen Kräfte wirksam, die zu 
ihnen hinleiten. Auch in diesem gleichsam latenten Zustand gilt 
es, sie zu erfassen und wiederzuerkennen, wenn wir uns der 
Stetigkeit der geschichtlichen Arbeit versichern wollen. Die 
Geschichte der Erkenntnistheorien gibt uns kein volles und 
zureichendes Bild der inneren Fortbildung des Erkenntnis- 
begriffs. In der empirischen Forschung einer Periode, in 
den Wandlungen ihrer konkreten Welt- und Lebensauffassung 
müssen wir die Umformung ihrer logischen Grundansicht ver- 
folgen. Die Theorien über die Entstehung und den Ursprung der 
Erkenntnis fassen das Ergebnis zusammen, aber sie enthüllen 
uns nicht die letzten Quellen und Antriebe. So werden wir sehen, 
wie die eigentliche Renaissance des Erkenntnisproblems, von 
den verschiedensten Seiten her — von der Naturwissenschaft, wie 
von der humanistischen Geschichtsansicht, von der Kritik des 
Aristotelismus, wie von der inneren immanenten Umbildung der 
Peripatetischen Lehren in der neueren Zeit — vorbereitet wird, ehe 
sie in der Philosophie Descartes’ zur Reife und zum vorläufigen Ab- 
schluss gelangt. Und es sind keineswegs immer die geringeren und 
minder fruchtbaren logischen Leistungen, denen eine explicite Her- 
aushebung und ein gesonderter, abstrakter Ausdruck versagt bleibt. 
Die Geschichte des modernen Denkens kennt keine gleich wich- 
tige und gleich entscheidende logische Tat, wie Galileis Grund- 
legung der exakten Naturwissenschaft: die einzelnen Gesichtspunkte 
aber. die hierbei leitend waren und die dem Urheber selbst in
	        
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