Der Sinn des Deutschen für den sittlichen Wert der Gemeinschaft
zeigt sich gerade in heutiger Zeit in dem starken Hang nach Vereins⸗
und bündischem Leben. Der Sinn dieses Dranges besteht in der Sehn⸗
sucht nach engerer Verbundenheit auf der ideellen Grundlage des Ge⸗
meinschaftslebens. In den beiden großen Freiheitsbewegungen des
19. und 20. Jahrhunderts tritt dieser Drang nach ideeller Bindung mit
elementarer Gewalt in den Vordergrund. Wenn wir die ganze politische
Bewegung unserer Zeit betrachten, so sehen wir das ganze bündische
Wesen auf der Rechten wie auf der Linken in Empörung gegen alle
Versuche, das Staatsbürgertum ohne seelische Bindung und ohne
ideelle Begründung nach seelenlosen oder materiellen Gesichtspunkten
zu organisieren. Die bündische Organisation des Frontgeschlechts
unserer Zeit überrennt die alten Vereinsbindungen des 19. Jahrhun⸗
derts, obwohl auch deren Ursprung und Sinn ihnen durchaus verwandt
ist. Der Grund dieser Entwicklung ist darin zu suchen, daß dem heu⸗
tigen Frontgeschlecht die seelische und ideelle Gebundenheit der Ver—
gangenheit nicht genügt. Es ist tiefer vom Willen zur Gemeinschaft
durchdrungen und stellt höhere Ansprüche an die inneren Bindungen
eines freien und selbstbewußten Staatsbürgertums im Geiste der Ge—
meinschaft. An diesem Beispiel erläutert sich auch der beginnende ge—
waltige Kampf zwischen Bünden und Parteien.
Das Parteiwesen ist der Grundtypformaler Organi—
sationskunst mit verflachender Wirkung im Gegensatz zu
einer herzenerfassenden Gemeinschaftsbildung werte—
schaffender und erhebender Natur.
In diesem Kampfe haben die Bünde die wertvollsten Triebe deut—
scher Wesensart auf ihrer Seite. Ihre Pflicht ist es, das staaten⸗
hildende Geheimnis des deutschen Gemeinschaftsgedankens zu erkennen
und es zum Elixier der Revolution des 20. Jahrhunderts zu erheben.
Die Wiedergeburt Deutschlands hat mit dem Jahre 1806 begonnen.
Das Losungswort der damals entstandenen Bewegung heißt: „Volk
und Staat müssen eins sein.“ Diese Einheit geht nur über den Sieg
des Gemeinschaftsgedankens, die Rückbesinnung auf die markanteste
Eigenart deutschen Volkstums und deutschen Wesens.
44
Te
*