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Erster Abschnitt
Da dem Geld nicht anzusehen, was in es verwandelt ist, ver
wandelt sich alles, Ware oder nicht, in Geld. Alles wird ver
käuflich und kaufbar. ‚Die Zirkulation wird die große gesellschaft
liche Retorte, worin alles hineinfliegt, um als Geldkristall wieder
herauszukommen. Dieser Alchimie widerstehen nicht einmal
Heiligenknochen und noch viel weniger minder grobe Res
sacrosanclae, extra commercium hominum [geheiligte, dem Handels
verkehr der Menschen entrückte Dinge]. Wie im Geld aller quali-
tative Unterschied der Waren ausgelöscht ist, löscht es seinerseits
als radikaler Leveller alle Unterschiede aus.” Das Geld ist
aber selbst Ware, ein äußerlich Ding, das Privateigentum eines
jeden werden kann. Die gesellschaftliche Macht wird so zur Privat
macht der Privatperson. Die antike Gesellschaft klagt es daher als
die Scheidemünze ihrer ökonomischen und sittlichen Ordnung an.”
% Heinrich III, allerchristlichster König von Frankreich, raub!
Klöstern usw. ihre Reliquien, um sie zu versilbern. Man weiß, welche
Rolle der Raub der delphischen Tempelschätze durch die Phoker in de!
griechischen Geschichte spielt. Dem Gott der Waren dienten bei der
Alten bekanntlich die Tempel zum Wohnsitz. Sie waren „heilige Banken“
Den Phöniziern, einem Handelsvolke par exeellence, galt Geld als die ent
äußerte Gestalt aller Dinge. Es war daher in der Ordnung, daß die Jung
irauen, die sich an den Festen der Liebesgöttin den Fremden hingaber
das zum Lohn empfangene Geldstück der Göttin opferten.
x „Gold! Kostbar, flimmernd rotes Gold! ...
So viel hiervon macht schwarz weiß, häßlich schön,
Schlecht gut, alt jung, feig tapfer, niedrig edel.
Ihr Götter! Warum dies? Warum dies, Götter;
Ha, dies lockt euch den Priester vom Altar;
Reißt Lebenskräft’'gen weg das Schlummerkissen,
Ja, dieser rote Sklave löst und bindet
Geweihte Bande, segnet den Verfluchten,
Macht ehrwürdig den Aussatz, ehrt den Dieb
Und gibt ihm Rang, gebeugtes Knie und Geltung
Im Rat der Senatoren; dieser führt
Der überjähr’gen Witwe Freier zu.
‚... Verdammte Erde,
Gemeine Hure, die du Zwietracht stiftest
Im Völkerschwarm ....“
(Shakespeare: Timon von Athen.) [IV. 3
Vebersetzung von Dorothea Tieck.]
„Deun von dem Menschengeiste ward dem Gelde gleich
Nichts Arges mehr ersonnen. Städte kehrt es um
Und treibt die Menschen flüchtig aus den Wohnungen;
Mit arger Lehre wandelt es den Männersinn,
Daß sich der Edle zu der Schmach des Bösen kehrt;
Zu jeder Arglist leitet es die Menschen an
Und macht sie kundig jeder gottvergess’nen Tat.“
(Sophokles: Antigone.) [V. 295 bis 301.
Deberseizung nach Georg Thudichum. Ed. Reclam.‘