Full text: Der Produktionsprozeß des Kapitals (1.1928)

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Lesers, noch so viele andere antizipierte und imaginäre hinzukommen 
können, daß dann als lebhafte Mißbilligung sich darstellen muß, was noch 
bloßes Mißverstehen ist, wofür man es aber um so weniger erkennt, als 
die mühsam erreichte Klarheit der Darstellung und Deutlichkeit des Aus- 
drucks über den unmittelbaren Sinn des Gesagten wohl nie zweifelhaft 
läßt, jedoch nicht seine Beziehungen auf alles übrige zugleich aussprechen 
kann. Darum also erfordert die erste Lektion, wie gesagt, Geduld, aus der 
Ueberzeugung geschöpit, bei der zweiten vieles, oder alles, in ganz anderm 
Lichte erblickt zu werden. 
Schopenhauer schrieb das im Vorwort zur ersten Auflage von 
„Die Welt als Wille und Vorstellung“, man könnte aber diese Zeilen 
auf jedes bedeutende Werk anwenden, das uns die Wirklichkeit, 
oder vielmehr einen größeren Ausschnitt daraus, denn die Wirklich- 
keit ist unendlich und nie ganz zu fassen, von einem neuen Stand- 
punkt aus in neuem Lichte zeigt. Es gilt auch vollkommen vom 
„Kapital“. Soll man ein Stück daraus völlig begreifen, muß man 
das Ganze kennen. Der erste Band kann nicht völlig verstanden 
werden ohne den zweiten und dritten, und vieles im ersten Band, 
namentlich der größte Teil seines ersten Abschnittes über Ware und 
Geld, bildet mehr die Vorbereitung des zweiten und dritten Bandes 
als die der weiteren Ausführungen des ersten, ist mehr nötig zum 
Verständnis des Zirkulations- und des Gesamtprozesses als des 
Produktionsprozesses. Indes reichen genau genommen nicht einmal 
die drei Bände des „Kapital“ aus, den Gesamtprozeß und damit 
auch jeden seiner Teile nach allen Richtungen hin zu erfassen, 
denn auch diese drei Bände sind noch nicht das vollständige Werk, 
dessen Abschluß wohl im Marxschen Kopf, nicht aber auf dem 
Papier gelang. Einige neue Gesichtspunkte erschließen ums noch 
die aus nachgelassenen Papieren gezogenen „Theorien über den 
Mehrwert“, 
Je weiter man im Studium dieser Werke fortschreitet, desto 
mehr begreift man ihren Ausgangspunkt, die Werttheorie; und je 
mehr man diese begreift, desto klarer wird uns das gesamte Ge- 
triebe, dessen Fortgang durch das Wertgesetz beherrscht wird. 
Aber es ist nicht jedem gegeben, alle diese Werke zu studieren. 
Für den gewöhnlichen Leser ist es schon eine große Leistung, wenn 
er den ersten Band des „Kapital“ bewältigt, der für den Arbeiter 
der wichtigste ist, weil er die Gesetze behandelt, die das Verhältnis 
zwischen Kapital und Arbeit bei der Produktion beherrschen. Jene 
Bewältigung des ersten Bandes setzt aber die Erfüllung der Schopen- 
hauerschen Forderung voraus: das mindestens zweimalige Lesen 
des Werkes. Und das wieder erfordert jene Geduld, von der 
Schopenhauer spricht, auf die auch Marx in der schon zitierten Vor- 
rede zur französischen Uebersetzung des „Kapital“ hinweist: 
Vorwort des Herausgebers.
	        
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