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Die Gruppe.
und der legten Revolution haben uns darüber hinreichend belehrt. Da-
zegen verbirgt sich hinter .der Anwendung des Begriffes „Wahn-
ideen“ auf das Völkerleben wieder eine falsche Gleichsegung der
Sruppe mit dem Einzelnen. Im Ernst kann man nicht behaupten wol-
len, daß ein ganzes Volk in gewissen Zeiten wie etwa der Periode der
Hexenverfolgung geisteskrank gewesen sei. Es steckt hinter solchen An-
schauungen das rationalistische Vorurteil, daß die menschlichen Hand-
lungen durchweg den Anforderungen einer strengen Folgerichtigkeit ent-
sprechen müßten, selbst wenn man die Maßstäbe dafür dem eigenen Zeit-
ılter entnimmt. In Wirklichkeit haben die hier in Frage kommenden
{rrationalitäten des kollektiven Verhaltens ihre Grundlage in derjenigen
[rrationalität, die überhaupt dem Menschen eigen ist. Und darin würde
Freilich an sich eine weitere Übereinstimmung zwischen Gruppe und In-
Jdividuum liegen. Dagegen ist der Zustand der Psychose durchaus indi-
viduell begrenzt. Es gibt hier freilich eine Art von Ansteckung in dem
zanzen Verhalten, die jedoch nicht bis auf die legten seelischen Wurzeln
geht. Es kann sich z. B. der Querulantenwahn unter besonderen Umstän-
Jen in dem eben angedeuteten Sinn über die ganze Gruppe ausbreiten
als eine Haltung, vermöge deren die Gruppe, etwa ein ganzes Dorf, im
Kampf mit der Behörde oder in einem Rechtsstreit sich mit einer abnor-
men Empfindlichkeit überall geschädigt glaubt. Doch sind derartige Aus-
breitungen selten und durchweg auf kleine Kreise beschränkt. Gewiß
können ganze Völker durch nationale Lebensfragen und was für ihre Ge-
fühle damit zusammenhängt in den einschlägigen Angelegenheiten in
;inen Zustand hochgradiger Erregung und Überempfindlichkeit verseßt
werden, der bei der üblichen oberflächlichen Betrachtung fast krankhaft
ınmutet. Doch handelt es sich in solchen Fällen natürlich nicht um eine
Ausbreitung von einer oder wenigen geisteskranken Personen aus, son-
dern um ein mehr gleichmäßiges Aufflammen der. Leidenschaften mit all
seinen vereinseitigenden Wirkungen, wie sie an sich auch dem normalen
Einzelmenschen eigen sind, hier freilich durch Wechselwirkung abnorm
gesteigert werden.
Wiederum stimmt die Gruppe mit dem Einzelnen überein in der
Neigung zu einer gewissen Einseitigkeit des Verhaltens und über-
haupt in gewissen Zügen bei der Reaktion auf neue Reize. Damit eine
Tatsache oder ein größerer komplexer Tatbestand auf einen einzelnen
Menschen wirkt, muß der Inbegriff von Reizen, der von ihnen ausgeht,
einen gewissen Schwellenwert überschritten haben; insbesondere muß in
der Regel eine gewisse Anhäufung von aufeinanderfolgenden Reizen erst
stattgefunden haben, ehe es überhaupt zu einer Reaktion kommt. Ganz
dasselbe gilt auch für eine Gruppe. Ebenso findet die Einseitigkeit des
individuellen Geschmackes und des ganzen individuellen Verhaltens ihr