Geistesleben im späteren Mittelalter. 275
auf den klassischen Stil der lateinischen Sprache, um schlicht und
kräftig dem Pulsschlag des Herzens allein das Wort zu leihen,
kein Ausdruck überschwenglicher Phantasie und überschwellenden
Gefühls, aber ein Denkmal energischer Willenserziehung und
abgeklärter christlicher Weisheit.
Das Buch von der Nachsolge Christi ist viel gelesen
worden seit seinem Erscheinen; kein Jahrhundert hat auf seine
Lehren verzichten wollen. Falsch aber würde es sein, wollte
man nach ihm allein die Zeit seiner Entstehung beurteilen.
Je inniger die Frömmigkeit der Grootschen Fraterherren sich
entfaltete, um so üppiger umwucherte sie eine Laienwelt voll
Spott und Ingrimm gegenüber den kirchlichen Institutionen,
gegenüber dem, was die Wende des 14. und 15. Jahrhunderts
gemeinhin Christentum nannte. Und schon viel früher hatte
sich diese Stimmung entwickelt. Wie sich um 1150 das Ritter⸗
tum emporhob aus der geistlichen Umstrickung des Zeitalters
des Investiturstreits, so hat sich seit etwa 1830 das Bürger⸗
tum von spezifisch geistlicher Leitung zu emanzipieren gesucht.
Und der eigene Aufschwung, die Not der Zeit in Pest und
Hunger, ohne daß die Kirche half, wie ehedem, die greuliche
Zerschleißung vor allem des ungenähten Rocks der Christenheit
im päpstlichen Exil und Schisma trugen dazu bei, diese
Stimmung zu verbreiten und zu stärken. Schon in der ersten
Hälfte des 14. Jahrhunderts hatte Marsilius von Padua sagen
können, daß über die Notwendigkeit des Priestertums nicht alle
Menschen so einmütig gedacht hätten, wie über die Notwendig—
keit der übrigen Zweige des öffentlichen Wesens; in dieser Zeit
noch eine vereinzelt dastehende Ansicht, war das die Meinung
weiter Kreise der zweiten Hälfte des Jahrhunderts. Freilich
verfiel nicht so sehr die religiösse Stimmung, als die Achtung
vor den Institutionen und den Personen der Kirche: nur auf
diesem Gebiete wollte man zunächst Klarheit, und weithin er—⸗
reichte man sie schon in der öffentlichen Meinung; trotz alles
Pochens der Kirche auf den Character indelebilis des Priester—
tums konnte Boendale unter dem Beifalle der Zeitgenossen den
Vers dichten:
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