88 IV. Die socialen Nothstände u. die Soc.-Demokratie.
schätzung aus der untersten Stufe das Vorhandensein eines
Einkommens über 100 Thalern keineswegs ausschließt. Aber
die ganze Zahl der zu dieser Stufe gehörenden Einzelstenern,
den, namentlich die über eine Million zählenden Dienstboten
und die Hunderttausend unselbständigen Personen zum Prole
tariat zu zählen, ist gänzlich unstatthaft, da die besitzende
Klasse in Stadt und fanb ein nicht unbedeutendes Konti,,,
gent zu der Dienftboten-Armee stellt, und die unselbständigen
Personen, die Lehrlinge und Schüler über 16 Jahren ver.
schiedcnen Volksklassen angehören.
Es ist also eine Uebertreibung um mehr als das Doppelte,
wenn Lassalle die Stärke der niedersten Volksklasse und ihr
Verhältniß zu den übrigen Klassen auf 72'/* Procent be.
rechnet. Tie ans Dieterici ausgezogene Tabelle gibt uns
über die Stärke des Proletariats, über die Zahl der niedrigsten
und ärmsten Vollsklasse keinen Aufschluß, da die 72'/. Procent
der untersten Steuerstufe durch die Zusammensetzung ver-
schiedener in ihrem Besitzstand keineswegs gleichen, sondern
höchst ungleichen Elemente gewonnen werden.
Reduciren wir auch die Zahl der nach Lassalles An
nahme in die unterste Steuerstufe aufgenommenen Fainilien
um mehr als die Hälfte, so bleibt die unterste Volksschicht
doch immer noch breit genug, um dringende Veranlassung
zu haben, auf Mittel und Wege zu deren materiellen Hebung
zu sinnen. Wir wollten ja auch nicht das Vorhandensein
eines Proletariats und die Berechtigung einer socialen Frage
bestreiten, sondern nur den Nachweis liefern, wie schon
Lassalle die Stärke und Ausdehnung des Proletariats zu
übertreiben verstanden hat.
Es wird die Socialdemokratie den Lassalle'schen Fehler-
wohl niemals korrigiren. Sie hat ein Interesse daran, die
Ausdehnung des Proletariats nicht möglichst gering, sondern