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willkürlich erdichteten Harmonismus vor uns. Der wahre Be-
standtheil, der auch in dieser thörichten Vorstellungsart nicht
fehlt, ist die Hinweisung auf die Gegenseitigkeit dos Nutzens.
Allein man muss zu unterscheiden wissen, was diese Gegen
seitigkeit unter den verschiedenen Verhältnissen leistet und
wo sie ihre Grenzen hat. Doch wir wollen uns bei dem allge
meinen Gedanken von der Gemeinsamkeit des Vortheils der
handeltreibenden Theile nicht aufhalten, da wir eine noch
universellere Idee schon bei Boisguillebert zu berühren gehabt
haben. Es wird jedoch gut sein, dass man sich für die Folge
zeit merke, welche nebelhafte Gestalt die Anfechtungen der
ßilanztheorie bei Quesnay gehabt haben. Nach Hume finden
wir dieses Thema bei den verschiedensten Schriftstellern im
negativen Sinn behandelt; aber nirgend werden wir auf Gründe
treffen, die mehr repräsentirten, als eine Beseitigung der An
sicht, dass grade die Gewinnung der Differenz in edlen Me
tallen das Mittel zur Vermehrung des Reichthums sei.
7. Wäre es hier unsere Aufgabe, die Vorgänge in der
Volkswirthschaft und nicht vielmehr diejenigen im Bereich der
wissenschaftlichen Sätze darzustellen, so würden wir dem Men
schenalter, welches der grossen Französischen Revolution vor
anging, eine ganz besondere Aufmerksamkeit widmen müssen.
Die ökonomischen Reformen, die man versuchte oder wirklich
ausführte, standen in engerer Beziehung zu den Ideen der
Physiokraten. Die Opposition gegen die Hemmungen des Ver-
kehrs und gegen die Monopole und Zünfte war sehr begreiflich.
Das Naturrecht, wie es in einer eigenthümlichen Gestalt auch
der Physiokratie zu Grunde lag, hatte selbst da, wo die poli
tischen Grundsätze ganz anderer Art zu sein schienen, eine
unwillkürliche Tendenz zur Revolution. In den Maximen Ques-
nays wird freilich die ungetheilte Gewalt für nothwendig er
klärt, und auch sonst kommt innerhalb der Secte eine gewisse
an das Despotische streifende Neigung zum Ausdruck. Indessen
alles dies hindert keineswegs, anzuerkennen, dass die Einfüh
rung eines verhältnissmässig freien Denkens über natürliche
Wirthschaftsgestaltung und der Kampf gegen die missliebigen
Zustände, der sich hieran anknüpfte, nicht blos zu den Symp
tomen und Wirkungen, sondern auch zu den sccundirenden
Vorbereitungen eines Vorabends der Revolution gehörten. Zieht
man aber Turgots Ministerium etwa als eine officielle Bethä-