Object: Das Problem der Wirtschaftsdemokratie

außerordentlich stark an die Person und Gedanken- 
welt von Karl Marx gebunden. 
Als reine und grundsätzliche Negationspartei hatte sie bis 
zum Kriegsausbruch nirgendwo Berührung mit den prak- 
tischen, politischen und. wirtschaftlichen Aufgaben der Zeit 
gewonnen, und war daher — im Gegensatz zu den freien 
Gewerkschaften — noch keinem, von der praktischen poli- 
tischen Arbeit ausgehenden Druck auf Ueberprüfung ihres 
:heoretischen Programms. ausgesetzt gewesen, Sie fußte 
laher noch unmittelbar auf den Lehren ihres Propheten, 
nachdem sie als psychologische Folge des Sozialisten- 
zesetzes die staatsfreundlichen Bestandteile des Gothaer 
Einigungsprogrammes, das Erbe Lassalles, 1891 abge- 
stoßen hatte, Für Marx aber war der Staat nur ein 
Exponent der Wirtschaft, der in der Geschichte, die sich 
hm als eine ununterbrochene Kette von Klassenkämpfen 
darstellt, immer nur Mittel der jeweils stärksten 
Wirtschaitsklasse ist, die Ausbeutung des wirtschaftlich 
Schwächeren zu sichern, In dem modernen Repräsentativ- 
staat erblickte Marx das Instrument zur Ausbeu- 
‚ung der Lohnarbeit durch das Kapital. „Die 
moderne Staatsgewalt ist nur ein Ausschuß, der die ge- 
meinschaftlichen Geschäfte der ganzen Bourgeoisieklasse 
verwaltet.“ Die Existenz dieses Klassenstaates war nach 
seiner Lehre an den Gesellschaftszustand gebunden, der 
sin Interesse an ihm als dem Schützer wirtschaftlicher Aus- 
beutung hatte, nämlich an den Kapitalismus. Diesen 
Zustand zu beseitigen sei das Proletariat berufen, das 
die ungeheure Mehrzahl der Bevölkerung darstelle. Das 
‚Kommunistische Manifest“ nennt daher die 
sozialistische Arbeiterbewegung „die selbständige Bewegung 
der ungeheueren Mehrzahl im. Interesse der ungeheueren 
Mehrzahl‘, Sollte daher diese 
zahlenmäßige Ueberlegenheit des Proletariats als 
Dolitischer Faktor 
ausgewertet werden, dann stellte sich die politische: 
Demokratie als selbstverständliche For- 
derung ein, die das Kommunistische Manifest denn auch 
als den ersten Schritt in der Arbeiterrevolution zur Er- 
hebung. des Proletariates zur herrschenden Klasse be- 
zeichnet. 
Am Staate selbst hatte das Proletariat nach Marx aber 
nur ein mittelbares Interesse, insofern, als der Staat 
in seinen Händen nur dazu dienen sollte, den Sozialismus 
sinzuführen, jede Klassenherrschaft zu beseitigen und damit 
auch die Grundlage für seine eigene Existenz zu vernichten. 
An die Stelle der staatlichen Regelung sollte „die Asso- 
ziation‘ treten, worunter Marx eine Vereinigung von 
lokalen Wirtschaftsgemeinden verstand (Cunow). Es ist 
bemerkenswert, daß die Sozialdemokratie über diesen Stand 
der Erkenntnis bis zum Kriege nicht hinausgekommen war, 
und daß die praktische Mitarbeit in der demokratischen Ein- 
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