Full text: Neueste Zeit (Abt. 3)

Die Spätromantik. 
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zu singen“, die 1785 erschienen, über das Wesen der neuen 
Kunstgattung klar: durch Melodie und Gesang sollten die 
Worte des Liederdichters allgemeinere und erhöhte Aufmerk⸗ 
samkeit erregen. Dann hat Mozart in der Zauberflöte mehr als 
einmal das Arioso zugunsten des Liedmäßigen fallen lassen, und 
von seinen Einzelliedern leben heute noch „Komm, lieber Mai, 
und mache“ und „Brüder, reicht die Hand zum Bunde“ fort, 
wie von Haydn „Gott erhalte Franz den Kaiser“ („Deutschland, 
Deutschland über Alles“). Beethoven aber hat in den Liedern 
an die ferne Geliebte schon den ersten Liederzyklus komponiert. 
Dennoch entband erst die Romantik gänzlich die neue 
Form. Denn jetzt erst verschwindet das Arienmäßige, gedrungen 
Kunstartige, „Vornehme“. Jetzt erst bedarf es nicht mehr der 
gelegentlich noch bei Beethoven gegebenen Weisung: „mit der 
innigsten Empfindung vorzutragen“. Jetzt vor allem erst wird 
das Lied populär und Eigentum breitester Schichten. 
Nichts aber ist dabei für den Umschwung charakteristischer, 
als daß nun neben dem neuen Gesang auch all die alte Lieder⸗ 
lust der Nation wiederum erwacht. Wenige Jahre nach dem 
Erscheinen von „des Knaben Wunderhorn“, dessen reiche Samm—⸗ 
lung das Liederarchiv der Vergangenheit erschloß, gründete 
Zelter in Berlin, im Jahre 1809, die erste Liedertafel; und 
ihr folgte ein Jahr später in der Schweiz, in Zürich, auf 
Anregung Nägelis der erste Männergesangverein. Und wie 
rasch verbreiteten sich diese Organe einer nationalen Pflege 
des Liedes! Wie griff man eifrig nach der „Sammlung 
deutscher Volkslieder“, die Silcher veranstaltete, und wie sang 
man dessen eigene Kompositionen, von denen noch heute „Ich 
weiß nicht, was soll es bedeuten“, „Ich hatt' einen Kameraden“, 
„Morgenrot, Morgenrot“, „Es zogen drei Bursche wohl über 
den Rhein“ und manch andere frisch wie am ersten Tage 
leben. Und neben den süddeutschen Silcher trat im von jeher 
sangesfreudigen Thüringen und seinem Kolonialgebiete, in 
Leipzig, Zöllner, der „Sängervater“; im Jahre 1833 hat er 
den ersten „Zöllner-Verein“ gegründet. 
Es war eine volkstümliche Pflege der Kunst, die nicht
	        
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