Die Spätromantik.
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dem Liede selbständig seine Form zu geben. Und dies be—
deutete eine Freiheit, die er reichlich nutzte. Er hat „Am
Brunnen vor dem Tore“ und „An Schwager Kronos“, er hat
„Die junge Nonne“ und die „Grenzen der Menschheit“ kom—
voniert: keine der möglichen Liedformen, die bis zur Gegen—
wart hin entwickelt worden find, ist ihm schon völlig fern ge—
blieben. Da ordnen sich denn die Lieder gelegentlich wohl
zu Zyklen, wie in der „Winterreise“ und in dem sogenannten
„Schwanengesang“; das Volkstümliche paart sich mit dem Kunst—
mäßigen früherer Zeiten; das Ganze schließt sich, und der
Meister erscheint fast als ein Symphoniker des Liedes. Da
wird in anderen Fällen die geschlossene Form durchbrochen und
der Klavierapparat fast zur Programmmusik erweitert. Da
zeigt sich wohl auch der sichere Stil und die Tabulatur des
Volkslieds: und das Heideröslein entsteht. Da bringt endlich
ein Opus 1 — die Nummern bezeichnen bei Schubert, der
sich um seine musischen Kinder nicht im geringsten, am wenigsten
etwa durch Reihezahlen kümmerte, freilich nicht sicher die relative
Zeit des Entstehens — da bringt also ein Opus 1 alsbald
den „Erlkönig“ und in ihm die Vollendung der musikalischen
Form der Ballade. Da erweitert sich manches Lied sogar zur
dramatischen Skizze von gedrängtester Empfindung; und der
Dichter steht beschämt vor dem Gefühlsreichtum des Komponisten.
Doch wie auch die Form moduliert wird: eins bleibt be—
stehen, die Klarheit und auch noch die wenngleich künstlerisch
gewandte Volkstümlichkeit des Ganzen. Schuberts Lieder
hauchen Erdgeruch aus gleich dem gesunden Brodem der Pflug-⸗
furche, sie sind nicht „vornehm“; raffinierte Halbempfindungen
parfümierter Kreise, etwa Schlegels „Windesrauschen, Gottes
Flügel“, vermag der Meister nicht befriedigend in Töne zu fassen.
Denn dazu sagen seine Lieder von vornherein viel zu deutlich
und zu genau, was sie wollen; die ersten Takte schon schlagen
die richtige Stimmung an; durchsichtig ist die Melodie geführt,
und die Klavierbegleitung zeichnet breit, oft mit enormer, kaum
je übertroffener Kunst der Malerei die festesten Umrisse der
Umwelt.