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Wir gelangen auf diesem Wege aber noch zu einem weiteren
Resultate. „Warten“ und ‚‚Kapitaldisposition‘, oder, wie
Cassel früher sagte, „waiting‘ und „use of capital‘‘ können
offenbar nicht synonyme Begriffe zur Bezeichnung ein und des-
selben Produktionsfaktors sein, wie von Cassel wiederholt be-
hauptet wird!). Denn die Abstinenz dauert ununterbrochen
fort, bis die Reproduktion des Realkapitals nicht wiederholt
wird und das betreffende Wirtschaftssubjekt jetzt die aufge-
schobene Bedürfnisbefriedigung nachholen kann, während die
Verfügung über die betreffende Genußgütermenge zeitlich viel
kürzer ist. Daraus folgt klar, daß es sich um zwei Ver-
schiedene Objekte handeln muß, was schon daraus hervorgeht,
daß das „Warten“ die ‚„Kapitaldisposition‘“ erst ermöglicht.
Wir kommen damit zum Resultate Böhm-Bawerks?) und
Amonns®), die beide die von Cassel behauptete Identität von
Abstinenzopfer und Kapitalnutzung als unzutreffend zurück-
weisen.
Was vorläufig als Objekt der Zinszahlung übrig bleibt,
wenn man Cassels Kapitaldisposition der Wirklichkeit gegen-
überstellt, ist der Dienst des Wartens. Ob hier eine Abstinenz-
1) Cassel, Theorie, S. 171, 181. Cassel, Nature, S. 37, 48, 63, 67.
?} Böhm-Bawerk, Exkurse, S., 322/31.
’) Amonn, Cassels System S. 65/67. Amonn geht allerdings gerade
den entgegengesetzten Weg, indem er nicht den Dienst des Wartens, sondern
die positive Verwendung des Kapitals im Produktionsprozeß als Objekt
der Zinszahlung ansieht (Amonn, Cassels System, S. 70). Wir machen
diesen Schritt nicht mit, da wir die Nutzungstheorie, die auch hier vor-
liegt, ablehnen, außerdem auch nicht einsehen, weshalb man den Dienst
des Wartens nicht als Objekt der Zinszahlung ansehen kann, denn er ist
es doch — jetzt ganz abgesehen davon, ob es sich wirklich hier um ein
Opfer handelt, wie die Abstinenztheoretiker behaupten — der alles weitere
erst ermöglicht, während umgekehrt der Kausalnexus nicht denkbar
ist. Daß der Begriff des Wartens durch Cassel zu weit gefaßt ist, geben
wir zu. Wenn Amonn einwendet, daß derjenige, der Kapitaldisposition
nachfragt, um sie produktiv zu verwenden, auch warten muß, so trifft
er, wie unsere späteren Ausführungen zeigen werden, tatsächlich Cassels
Aussagen über das Moment des Wartens (Amonn, Cassels System, S. 69/70).
Cassel gebraucht auch die Bezeichnung „Warten“ etwas zu unvorsichtig,
was leicht zu Mißverständnissen führen kann, indem er damit, wie wir
bereits erwähnten, zweierlei bezeichnet, einmal das Abstinenzopfer und
das andere Mal den produktiven Umweg, der durch das erstere ermöglicht
wird (vgl. Amonn, Cassels System, S. 67).