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nämlich unter der Voraussetzung, daß eine entsprechende Kom-
pensation durch ein Mehr an Gütern in der Zukunft erfolgt.
Wenn also das Wirtschaftssubjekt einen seiner Unterschätzung
zukünftiger Genüsse entsprechenden Zins erhält, so kann von
einer Wohlfahrtseinbuße, von einem Opfer keine Rede sein. Nur
dann liegt ein Opfer vor, wenn der Zins dem Grade der Unter-
schätzung nicht entspricht — ein Fall, der vom Standpunkte der
wirtschaftlichen Logik aus gesehen, die wir hier untersuchen, irre-
levant ist. Böhm-Bawerk argumentiert daher ganz in unserem
Sinne, wenn er bezüglich des Einflusses des zeitlichen Momentes
schreibt: „Statt nämlich das Material zu einem Zweiten selbstän-
digen Opfer zu bieten, fällt es vielmehr bei der Bestimmung der
Größe des einen wirklich gebrachten Opfers ins Gewicht‘),
Man könnte nun allenfalls die Abstinenztheorie noch da-
durch zu retten. versuchen, indem man einfach von einer
Leistung spricht, die analog der Arbeitsleistung nach dem Werte
ihres Produktes veranschlagt wird. Der Widerspruch, der sich
bei der Annahme eines echten Opfers gegenüber der Agiotheorie
ergibt, wäre damit beseitigt. Dieser Leistung, diesem Dienste
äes Wartens würde dann einfach der mit der Zeit erfolgende
Wertzuwachs zugerechnet. Es müßte dann nicht etwa neben
dem Arbeitsopfer heute schon der diskontierte Wert der zu-
künftigen Opfer, dem bekanntlich kein entsprechendes Nutzen-
äquivalent gegenübersteht, eingesetzt werden.
Wir lehnen es jedoch ab, einen derartigen Versuch, der
u. E. bei Cassel vorliegt, zu machen, da, wie aus unseren
früheren Ausführungen folgt, die Annahme einer solchen dritten
elementaren Leistung neben Arbeit und Boden sich mit den
Tatsachen kaum in Einklang bringen lassen wird. Aber auch
vom heuristischen Gesichtspunkte aus gesehen sind wir gegen
die Konstituierung eines solchen dritten Produktionsfaktors.
Der Dienst des Wartens bei Cassel ist ein viel zu weit gefaßter
Begriff. Das hat Amonn ganz richtig erkannt, wenn er fest-
stellt, daß auch der Nachfragende, der das Kapital produktiv
verwendet, anstatt es zu verzehren, „Warten“ muß?). Man muß
1) Böhm-Bawerk, Geschichte und Kritik, S. 252 (die Unterstreichung
stammt von Böhm-Bawerk).
?) Amonn, Cassels System, S. 70.