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auch für niedrigere Löhne zu verdingen. Im Mai aber werden die
Ernteaussichten bestimmter, auch der voraussichtliche Bedarf an Arbeits
kräften kann festgestellt werden, das Bedürfnis an Arbeitskräften wird
deshalb so gross und dringend, dass die Löhne zu dieser Zeit sogar
eine bedeutendere Höhe, als die für die Frist vom März resp. April bis
1. Oktober erreichen. Betrachtet man die Monatslöhne im Zusammen
hang mit den Erntezuständen und zwar vom Standpunkte der Dringlich
keit der Nachfrage nach Arbeitskräften, so sieht man, wie die Bewegungen
der Monatslöhne von eben diesem Bedarf abhängig sind.
Auch bei der Bestimmung der Akkordlöhne spielt der Ernteausfall
eine wichtige Rolle, wenn auch im Zusammenwirken mit anderen Fak
toren. Es ist in den neurussischen Gouvernements die Regel, dass die
Arbeiter, die nicht auf den Arbeitermärkten, sondern auf dem Gut ge
dungen werden, vor Abschluss des Kontraktes das Feld besichtigen und
dem Erntezustande entsprechende Akkordlöhne verlangen. Auch werden
die Akkordlöhne durch die Bodenbonität, die Arten und Mittel der Flur
bestellung bestimmt.
Alle Arten von Arbeitslöhnen, die zur Zeit der Heu- und Getreide
ernten gedungen werden, richten sich nach den Tagelöhnen. Die
Arbeiter ziehen es vor, sich als Tagelöhner zu verdingen, da die Tage
löhne am höchsten stehen und da sie als Tagelöhner dem Arbeitgeber
gegenüber sich am freiesten fühlen. Es kommt sehr oft vor, dass während
die Arbeitgeber Akkord- oder Fristarbeiter suchen und eine beträchtliche
Summe für solche Arbeiter anbieten, sich die Arbeiter als solche nicht
verdingen und auf die Zeit der höchsten Tagelöhne — die Zeit der
Getreideernte — warten.
Wenn aber die Tagelöhne von Anfang an sich hoch stellen, weil
die gute Ernte in Aussicht steht, verdingen sich die Arbeiter auch als
Akkord- oder Frist- oder Monatsarbeiter; denn diese richten sich nach
den Tagelöhnern und folgen der Aufwärtsbewegung derselben.
Unter den Bestimmungsgründen der Arbeitslöhne im neurussischen
Ackerbau ist auch die Möglichkeit eines anderweitigen Er
werbes in Betracht zu ziehen. Da, wo die Industrie am höchsten ent
wickelt ist, stehen auch die Löhne der Landarbeiter höher als da, wo
noch immer der Ackerbau fast einzig als Erwerbsmittel der Bevölkerung
dient. Bei der noch immer in territorialer Beziehung geringen Entwicke
lung der Industrie in den neurussischen Gouvernements sind die Ort
schaften, wo die industrielle Erwerbsmöglichkeit des Bauern ihren Einfluss
auch auf seinen Lohn auf dem platten Lande übt, so zerstreut und wenig
zahlreich, dass die Höhe der durchschnittlichen Arbeitslöhne für das