Full text: Entstehung und Bedeutung der Preußischen Städteordnung

J 
deutsche Geselligkeit durch fast 10 Jahre. Eine Verbesserung der Ge⸗ 
selligkeit, weil in diesen sich auch Familien versammelten, während die 
Wirtshäuser nur für die Männer zugänglich waren. 
Noch immer knapp und eng war im allgemeinen der Haushalt des 
Staädters gewesen; nur wenige waren so wohlhabend, daß sie die Ein⸗ 
richtung des Hauses und ihres Lebens mit einigem Glanz umgeben 
konnten. Erst gegen Ende des Jahrhunderts beginnen die Klagen über 
Mangel an Sparsamkeit und unmäßige Vergnügungssucht der arbeitenden 
Klassen — Klagen, die gewiß in vielen Fällen berechtigt waren, die aber 
unvermeidlich immer wieder ertönen, wo der größere Wohlstand vieler 
Einzelner auch in den unteren Schichten des Volkes die Bedürfnisse vermehrt. 
Streng aber war die Ordnung des Bürgerhauses, genau bis aufs 
kleinste stand fest, was andere zu leisten und was von ihnen zu empfangen 
war. Die Glückwünsche, die Komplimente, d. h. die höflichen Anreden, 
sogar die Trinkgelder, alles hatte seine genau bestimmte Größe und vor⸗ 
geschriebene Form. Durch diese zahllosen kleinen Regeln erhielt der 
Verkehr eine gewisse unveränderliche Festigkeit, die sehr gegen die Un⸗ 
gebundenheit des heutigen Lebens absticht. Streng war die Zucht des 
Hauses. Am Morgen war in den Familien kurze Hausandacht mit den 
Kindern und gewöhnlich mit den Dienstboten. Früh wurde aufgestanden 
bei guter Zeit. 
Auch der Umgang im Hause war förmlich; von den Kindern und 
Dienstboten wurde gehorsame Ehrfurcht in devoten Formen gefordert; 
die Gatten der Hondratioren redeten einander mit Sie an und lernten 
erst jetzt, sich das trauliche Du zu geben. Es war fast so, als sei 
staatlicher Zwang auch in die Familie gedrungen. — Durch Hausfreunde 
wurde Beförderung, Fürsprache, Begünstigung gesucht und erwartet. 
Protegieren und Parteinehmen war eine Pflicht. Deshalb hielten vor— 
aehme und einfache Kreise Bekanntschaften für ein ausgezeichnetes Gluͤck, 
um das man zu werben hatte. Durch solche Gunst einzelner suchte man 
sein Fortkommen in der fremden Welt. Die Devotion gegen Hoͤhere war 
groß. In stereotyper Form floß das gesellschaftliche Leben. Wer einem 
Gonner gegenübertrat, hatte wohl zu bedenken, daß sein Schritt nicht 
zu schnell, nicht zu dreist, nicht zu scheu war. Die sichere und stolze 
Selbftachtung, die wir von einem gebildeten und guten Manne fordern, 
war damals selten in Deutschland. Fester Wille war allerdings zu 
finden, bei der Arbeit und im Ausüben einer schweren Pflicht, dort kam 
er sogar mit überraschender Energie zutage. Aber dieser Tüchtigkeit 
fehlten zu sehr einige mannhafte Beigaben. Seit langer Zeit bestand 
der Druck des polilischen Stiaates; er hatte den Bürger scheu, schwer— 
fällig, oft furchtsam gemacht. 
Soweit meist nach Gustav Freytag. Wir wollen uns nun noch kurz 
die Bedeutung des damaligen Bürgertums für die kulturelle Entwickelung
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.