Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

140 IV. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse 
kommen wirtschaftlich beherrschten. Die Abhängigkeit Flanderns von der 
Zufuhr aus der Ostsee und damit die Abhängigkeit der flandrischen Politik 
von den Hansen — den Osterlingen — allein genügte, um die politische 
Tragweite dieser einen Tatsache zu unterstreichen. Nordeuropa hatte es dem 
deutschen Kaufmann zu verdanken, wenn der Osten und Westen des Konti- 
nents seit dem 13. Jahrhundert zum erstenmal zu einem — zwar differen- 
zierten — aber doch einheitlichen Wirtschaftsgebiete zusammengeschlossen 
waren. Dasselbe Nordeuropa bekam es aber auch zu fühlen, daß der deut- 
sche Kaufmann diesen Zusammenschluß geschaffen hatte und gewillt war, 
die Früchte seiner Leistung selbst zu ernten. Was in den Privilegien durch 
die einzelnen Länder dem deutschen Kaufmann an Rechten und Freiheiten 
eingeräumt wurde, das eben war der Tribut, den er sich von dem nicht- 
deutschen Nordeuropa zahlen ließ. 
Aber wenn die Lübecker Ratsherren und Kaufleute aus allen Enden ihres 
Wirtschaftsgebietes zur Trave zurückkehrten und miteinander berieten, 
dann werden sie schon um 1370 nicht ganz froh geworden sein. Denn trotz 
aller Erfolge gab es doch manches in der Welt, vor allem in der hansischen 
Welt, was Sorgen und Bedenken aufsteigen ließ. Nirgendswo so stark wie in 
Lübeck muß die eine Tatsache sich bemerkbar gemacht haben, daß die 
kolonisatorische Welle damals bereits ihren Höhepunkt überschritten hatte. 
Vermutlich haben die schweren Pestjahre, die seit der Mitte des 14. Jahr- 
hunderts ganz Europa, vor allem auch Nordeuropa heimsuchten, das Ihre 
dazu beigetragen, daß der alte Drang vom Westen nach dem Osten nachließ. 
Denn die großen Lücken in der Bevölkerung, welche der schwarze Tod riß, 
beseitigten die alte Ursache jener Expansion, den Druck einer relativen 
Übervölkerung. 
Das Nachlassen des ständigen Zuflusses neuer Bevölkerungselemente 
machte sich auch in Lübeck selbst bemerkbar?), Bis dahin war es so gewesen, 
daß aus westfälischen, auch niederrheinischen Städten immer neue Indi- 
viduen und Familien vertrauensvoll dem Wege der ersten Männer gefolgt 
waren, welche Lübeck gegründet oder als schlichte Kolonisten mit Menschen- 
material versehen hatten. Denn es gab nicht etwa eine Familie der Waren- 
dorp, der Bocholt oder der Coesfeld in Lübeck, sondern eine ganze Zahl, 
deren erste Glieder zu sehr verschiedenen Zeiten aus den westfälischen 
Heimatsorten nach Lübeck gezogen waren, Auch gehörten die verschiedenen 
Familien desselben Namens sehr verschiedenen sozialen Schichten an. 
Dieser Zuzug ließ jetzt nach. Und nach der anderen Seite, dem Ostsee- 
zebiete hin, hörte Lübeck aus dem nämlichen Grunde auf, den Regulator 
der weiteren deutschen Besiedlung des Ostseebeckens zu bilden. Die Zeiten, 
in denen Ordensritter, Geistliche und Bürger der altdeutschen Städte in 
Lübeck die Schiffe bestiegen, um die Kolonisierung des Baltikums oder des
	        
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