Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

[V. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse 145 
Kontrast des bisherigen Zustandes zu dem neugewonnenen: Die alten 
primitiven englischen Weberzünfte traten in Opposition zu der Neuorgani- 
sation der flandrischen Tucherzeugung in England. Über ihr aber schwebte 
die schützende Hand des weitblickenden Monarchen. Nach Qualität und 
Quantität erzeugt England um die Mitte des Jahrhunderts einen ganz 
anderen Tuchwert als wenige Jahrzehnte zuvor. Eine junge, kräftige Industrie 
erwacht im Lande, und diese junge Industrie begann, um sich 
oehaupten zu können, den Kampf um den ausländischen Markt. 
Und hier, in dieser ersten Auswirkung einer großen aktiven englischen 
Handelstätigkeit über See, fanden sich zunächst die gemeinsamen Inter- 
essen der Städte des Ordenslandes einerseits, des englischen Kaufmanns 
andrerseits, Getreide und Holz, Erzeugnisse des Landes selbst, Kupfer und 
Edelmetalle aus Litauen und Ungarn — das waren die Güter, für die der 
preußische Kaufmann in England ein dankbares Absatzgebiet fand. 
Aber gerade diese starke Belebung der Handelslinie Danzig—England 
widersprach im Grunde genommen der hansischen Tradition. Im doppelten 
Sinne. Zunächst durch die Belebung des direkten Verkehrs von Ostsee nach 
Nordsee durch Sund?®) und Kattegatt. War es doch das Ziel der von Lübeck 
geleiteten gesamthansischen Politik, diese Linie zurücktreten zu lassen 
gegenüber der Linie Ostseebecken—Lübeck—Hamburg—Brügge. Vor allem 
aber: ein intensiverer englischer Tuchexport bedeutete eine Erschütterung des 
eben erfolgreich ausgebauten hansischen Wirtschaftssystems, denn er drohte 
die Bedeutung Brügges problematisch zu machen. Die Eigenart der damaligen 
Stellung Brügges war aber der eine wichtige Eckpfeiler der ganzen hansi- 
schen Position. 
War doch Brügge in erster Linie hochgekommen als Vermittler des als 
Qualitätsware in ganz Nordeuropa allein in Betracht kommenden flandri- 
schen Tuches, So sehr zog das Land wie ein Magnet die fremden Kaufleute 
an, daß der Flame längst den eigenen Vertrieb der flandrischen Tuche ins 
Ausland hatte aufgeben können und getrost die fremden Kaufleute an sich 
herankommen lassen konnte; sie mochten seine Ware ja nicht entbehren. 
Als in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts der englische Wollstapel nach 
Brügge verlegt wurde, als die Schiffe des ganzen damaligen Europas sich 
auf dem Swin einfanden, da schien die Macht Brügges festzustehen für alle 
Zeiten. 
Gerade der hansische Handel hatte sich in westlicher Richtung immer 
mehr auf Brügge konzentriert. Der Genuß der flandrischen Privilegien für die 
Hanse und die Stapelpflicht hansischer Waren in Brügge bedingten sich 
gegenseitig. Unbedenklich konnte die Hanse eine solche Bedingung eingehen. 
Denn der Verzicht der Flamen auf einen eigenen Aktivhandel nach dem 
Osten ergab ja für den hansischen Handel die glänzende Möglichkeit, seine 
Chancen als Vermittler des Warenaustausches von Osten nach Westen in 
Rörig, Hansische Beiträge. 
In
	        
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