146 IV. Außenpolitische und innerpolitische Wandlungen in der Hanse
Brügge selbst aufs beste auszunutzen. Jede Möglichkeit einer Störung dieser
vielleicht etwas künstlichen Grundlagen mußte in Lübeck Besorgnis und
Unbehagen auslösen.
Als eine solche Störung, und zwar ernstester Art, hatte aber zweifellos das
Vordringen des englischen Tuchhandels in das Ostseegebiet zu gelten. Der
Wert der hansischen Basis in Brügge sank, das hansische Monopol des Tuch-
vertriebs nach dem Osten bekam ein Loch. Und hinter dieser. englischen
Invasion in die Ostsee stand die beharrliche Kraft eines Volkes, dessen junge
Textilindustrie exportieren mußte, wenn anders Tuchhändler, Tuchscherer,
Weber und Färber leben wollten. Und zu allem kam, daß 1371 zum ersten
Male nach langen, langen Jahrzehnten die Hanse mit ihrem alten Gönner,
Eduard III, Schwierigkeiten bekam, die aber eine ungeahnte Schärfe er-
hielten, als 1377 der alte König die Augen schloß. Die 70er Jahre des 14. Jahr-
hunderts, die für die ganze englische Handelspolitik eine so einschneidende
Wendung brachten, bedeuteten vor allem für die Hansen eine überaus
ernste Wende: die inneren und äußeren Stützen der bevorzugten
Stellung der Deutschen in England begannen morsch zu wer-
den; der aktive Vorstoß des englischen Kaufmanns nach dem
Kontinent setzte ein.
Es war das wohl die ernsteste Wandlung, die gerade in das Jahrzehnt des
Stralsunder Friedens fällt!*). Und sie wurde deshalb um so gefährlicher, weil
das englische Vordringen sich aus den genannten Gründen auf eine örtliche
Gruppe der Hansestädte konzentrierte und hier den eigenen örtlichen
Handelsinteressen entgegenkam. Unter den Augen der hansischen Gesamt-
leitung begann neben der alten Linie Nowgorod—Lübeck—Hamburg—
Brügge eine zweite Bedeutung zu gewinnen: Ordensland—Sund—England.
Die heraufziehende außenpolitische Bedrohung der wirtschaftlichen Grund-
jagen wirkte also obendrein notwendigerweise in der Richtung, das innere
Gefüge der Städte zu lockern. Die Neigung zur Betonung der örtlichen
Sonderinteressen, die ohnehin in der Luft lag, wurde so noch gestärkt und in
ihrer Entfaltung beschleunigt. Gerade in der Behandlung der englischen
Frage ist ja seitdem der innere Zwiespalt zwischen Ordensstädten und
Gesamthanse offen zutage getreten. Er hat die hansischen Gesamtinteressen
aufs empfindlichste geschädigt. Obendrein drohte sich die den Zusammenhang
der Städte lockernde Wirkung des englischen Vordringens nach Preußen in
dem der Holländer zu wiederholen. Jedoch waren von dieser, auf die Dauer
bekanntlich verhängnisvollsten Gefahr in den 70er Jahren des 14. Jahr-
hunderts erst die ersten leisen Anzeichen zu erkennen. Aber an der Trave
wird man schon damals diese Anzeichen zu deuten verstanden haben. —
Dabei brauchte man nicht einmal den Blick in ferne Länder schweifen zu
jassen, um Anlaß zu ernster Besorgnis zu erhalten. Die innerdeutschen Ver-
hältnisse selbst gaben damals sehr zu denken. Zunächst die Beziehungen der