VI. Das älteste erhaltene deutsche Kaufmannsbüchlein 179
wahrscheinlicher ist, das Interesse seiner nach dem Westen gesandten Angestellten
durch Beteiligung am Geschäft in bescheidenen Grenzen zu
beleben. Der juristischen Form nach handelt es sich in allen drei Fällen um
die als vera societas bezeichnete stille Gesellschaft, bei der Hermann Warendorp
die Rolle des Kapitalisten, den Kontrahenten die des Unternehmers
zufällt. Am Kapital waren beide Parteien regelmäßig zur Hälfte beteiligt;
einmal wird auch das gemeinsam zu tragende Risiko und der Gewinn zu
gleichen Teilen erwähnt. Namen der Kontrahenten und Höhe des gemeinsamen
Kapitals sind dabei folgende:
Borchard de Losinge 30 Ib. groß. Turonensium.
Hermann Rinckenrode 200 m. d.
Hinrich Albus de Warendorp??) 54 Ib. groß. Turonensium.
Dazu kommt noch ein Fall des Jahres 1346. Damals bekennt Richard de
Hamborch, daß alles Geld, das er, Thideko de Stenvorde und Thideko
Longus in gemeinsamem Besitz haben („simul habent‘), zur Hälfte mit
Gewinnbeteiligung Hermann Warendorp zugehöre. Der Fall liegt also
genau wie die drei des Jahres 1336, nur daß hier statt eines drei Unternehmer
Hermann Warendorp gegenüberstehen?!), Wenn der Form nach hier Unternehmer
und Kapitalist scharf geschieden sind, so möchte ich doch annehmen,
daß diese „Unternehmer“ in der Hauptsache Angestellte Hermann Warendorps
waren, die nach seinen Direktiven zu handeln hatten?®), Ich möchte
sogar für sicher halten, daß die Summen, über die diese „Unternehmer‘“‘
als Angestellte ihres Chefs zu verfügen hatten, ungleich höher waren als die
hier genannten, im Verhältnis zu den Einzelumsätzen Hermann Warendorps
im Niederstadtbuch ungemein bescheidenen Beträge. Jedenfalls zeigt
schon dieser eine Fall der Verwertung von Notizen aus dem Lübecker
Societätenregister der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts, wie unzutreffend
gerade hier die Schlüsse sind, die W. Sombart aus ihnen gezogen hat: nach
Sombart soll die commenda das Zeugnis des handwerksmäßigen Handels par
exellence sein; bei ihr stehe der Geldbesitzer „noch außer jedem Konnex mit
der Handelstätigkeit selbst‘; außerdem verrieten die Einlagen durch ihre
Niedrigkeit, daß es sich nur um Handelsbetätigungen im „Rahmen handwerksmäßigen
Geschäftsumfangs‘ handle?*), Die Geldgeber des Societäten
registers sind eben, wie Hermann Warendorp, in erster Linie selbst Kaufieute,
und zwar Einzelkaufleute, und in diesem ihren eigenen Geschäftsbetrieb
setzen sie bei einem einzigen Geschäft oft Beträge in einer Höhe um, welche
das Anlagekapital von irgendeiner dieser kleinen Nebenverabredungen der
commendae oft um ein Vielfaches übertreffen. Hier wird wieder einmal
offenbar, wie irreführend Schlüsse aus isoliert aus ihrem organischen Zusammenhang
gerissenen Quellenstellen sind; wie notwendig gerade auf dem
Gebiete der Wirtschaftsgeschichte die Beachtung der strengen Gesetze der
historischen Quellenkritik ist. —
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