186 VL Das älteste erhaltene deutsche Kaufmannsbüchlein
Betrag wirklich vorhanden sein würde. Denn, so bestimmt das Testament,
von seinem väterlichen Erbgut sollten zunächst einmal seine Schulden
bezahlt werden. Obendrein soll auch sein Begräbnis aus dem väterlichen
Erbgut bestritten werden; denn er ruft Gott dafür als Zeugen an, daß er
nicht einen Pfennig besitze, über den er verfügen könne®). Die Legate
an seine geliebte Schwester Margarete im Kloster Rehna und die Kinder
seiner anderen Schwester werden unter diesen Umständen problematisch
geblieben sein, zumal er bereits 1364 alles veräußerte, was er noch an
Liegenschaften von seinem Vater besaß®). Das väterliche Wohnhaus
konnte er, mit Rücksicht auf das Beispruchsrecht der Erben, nur unter
Leistung des Offenbarungseides verkaufen®). Man sieht, die eigene ge-
schäftliche Tüchtigkeit war erloschen, wirtschaftlich bedeutete Eberhard nur
noch etwas, soweit vom väterlichen Gut noch etwas zur Verfügung stand.
Nach der Veräußerung auch des väterlichen Wohnhauses war er wirtschaft-
lich vollkommen erledigt. — Mit ihm findet dieser Zweig der Clingenberg
sein unrühmliches Ende.
Es herrscht ein merkwürdiger Parallelismus zwischen unsern beiden
Schwägern: Beides sind die, jüngeren Brüder, die ihren älteren an geschäft-
licher Bedeutung nachstehen; Johann Clingenberg noch mehr, als der nur
dann zurückstehende Hermann Warendorp, wenn man ihn an seinem offenbar
ganz hervorragenden Bruder Bruno mißt. Und beide Male erweist sich die
Linie des älteren Bruders als die lebensfähigere, sich länger behauptende,
während bei unsern Schwägern, am auffallendsten bei Johann Clingenberg,
das Ende überraschend schnell da ist.
Um noch einmal das Ergebnis dieser Untersuchungen für die Persönlich-
keiten der beiden an unserm Handlungsbüchlein beteiligten Kaufleute fest-
zustellen: Es handelt sich um zwei untereinander verschwägerte jüngere
Söhne aus angesehenen Familien. Als das Büchlein entstand, war Hermann
Warendorp ein Mann von etwa 50 Jahren, der aber erst damals sein Ge-
schäft zu größerer Bedeutung brachte; in Seiner Übersiedlung aus der
Fleischhauerstraße in die von den angesehensten Familien bevorzugte
Mengstraße, in ihren bei der Marienkirche liegenden Teil, kommt im Jahre
1333 sein wirtschaftlicher Aufschwung, in seiner Ratswahl vom Jahre 1335
sein sozialer Aufstieg zu deutlicher Geltung. In die Jahre vorbereitender
erfolgreicher geschäftlicher Tätigkeit fällt die Entstehung des Büchleins.
Zweifellos war Hermann der bedeutendere, wohl auch ältere der beiden
Schwäger; er ist auch, wie sich noch zeigen wird, der eigentliche Eigentümer
unseres Büchleins gewesen, das zu Unrecht, soweit es überhaupt bekannt ist,
unter dem Namen Johann Clingenbergs läuft. Bei beiden Schwägern handelt
es sich zweifellos um Fern- und Großhändler. Aber, und das ist wesentlich
für die Beurteilung des Büchleins: nicht um Händler in der vordersten
Linie, wie sie damals in Lübeck etwa durch die Ratsherrn Bruno und Gott-