Full text : Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

VII Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts 223

Es sind hier für zwei Jahrzehnte im ganzen 220 Namen belegt, die nach
dem bisher üblichen Brauche als Gewandschneider anzusprechen wären,
Durchschnittlich waren in einem Jahre 90 Personen gleichzeitig im Gewandhaus
 tätig, eine Zahl, die den 150 aus dem ausgehenden 13. Jahrhundert
immerhin näher steht als den 20 bis 25 des 15. Jahrhunderts. Aber schon ein
erster Durchblick der Namen ergibt einen hier sehr wesentlichen Unterschied
 gegenüber dem Ende des 13. Jahrhunderts: Namen von Ratsmitzliedern
 sind in den siebziger und achtziger Jahren unter den Gewandschneidern
 außerordentlich selten geworden. Für die Jahre 1371—-1389 sind
es im ganzen nur 3 Namen von 220, die im Laufe der Jahre Ratsherren
wurden. Man sieht: es bestand nicht etwa ein Verbot, daß Ratsherren nicht
Gewandschneider sein dürften, aber de facto hatten sich die Kreise des Rats
vom Gewandschnitt bereits so gut wie ganz zurückgezogen. Und hier scheint
mir der wesentliche Unterschied zwischen der kaufmännischen Oberschicht
des früheren 13. Jahrhunderts und der des 14. Jahrhunderts zu liegen: Die
ältere Schicht legte noch Wert auf die Ausübung des Gewandschnitts,
 der jüngeren war sie gleichgültig. Gleichgültig deshalb,
weil die neue, von ihr selbst geschaffene, auf Ausnutzung der Schriftlichkeit
beruhende Geschäftsorganisation es ihr ermöglichte, sich ganz ausschließlich
dem Großhandel zuzuwenden, Denn für die in der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts
 führenden Kaufleute: Hermann Morneweg, die vier bedeutenden
Warendorp aus der ersten Hälfte des Jahrhunderts, die Brüder Gallin,
Hermann Clendenst — um nur einige zu nennen — fehlt jedes Anzeichen,
aber auch jede Wahrscheinlichkeit, daß sie Gewandschnitt überhaupt ausgeübt
 hätten oder gar im Sinne der herrschenden Lehre Gewandschneider
von Beruf gewesen wären. Von Beruf waren sie vielmehr echte Großhändler.
 Und wenn bisher immer hervorgehoben wurde, für die Jahrhunderte
 des Mittelalters sei kein Stand von Großhändlern nachzuweisen,
so erwachsen solche in plastischer Deutlichkeit aus dem Reichtum der
Lübecker Quellen, ein Reichtum, der so gut wie unbekannt in den Beständen
des Lübecker Archivs schlummerte, Nur einer von ihnen war bisher als
Großhändler erkannt, und gegen die Versuche, auch ihn auf das Gewandschneiderniveau
 hinunterzudrücken?!), mit guten Gründen geschützt
worden, Das ist der hingerichtete Lübecker Bürgermeister Johann Wittenborg,
 und es ist abermals Keutgens Verdienst. hier das Rechte erkannt zu
haben.
Noch einmal bitte ich Sie, Ihre Aufmerksamkeit den Jahren um 1370
zuzuwenden, da hier die Quellen sich in überaus glücklicher Weise ergänzen,
Als der kostbarste Schatz nicht nur lübeckischer, sondern nordeuropäischer
Handelsgeschichte hat das 1368 beginnende Pfundzollbuch zu gelten. Jenes
Buch, in das die durch Beschluß der Hansestädte fälligen Zolleinnahmen
eingetragen wurden, soweit nicht die Waren bereits in einem anderen
            
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