VII. Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts 227
Es wäre ebenso falsch, diese Männer Gewandschneider im Sinne eines abge-
schlossenen Berufes zu nennen, wie die Bezeichnung Bergenfahrer im gleichen
Sinne auf sie anzuwenden: solche berufmäßige Abgeschlossenheit
innerhalb des Gesamthandels ist dieser Zeit noch durchaus
fremd. Weder im Gewandschnitt noch in der Bergenfahrt erschöpfte sich
die wirtschaftliche Tätigkeit dieser Männer, vielmehr trieben sie noch
Warenhandel verschiedenster Art. Werner Cusfeld ist nicht nur im Gewand-
haus und in Bergen zu finden, sondern selbstverständlich auch im Handel
nach und von Flandern über Oldesloe. Außerdem ist er aber auch am
Schonenschen Geschäft beteiligt und verschifft Salz.und Speck nach Rostock
und Wismar. Seine erste kaufmännische Schulung wird er in Bergen er-
halten haben. Aus jener Zeit stammen zwei uneheliche Kinder, die ihm eine
Norwegerin schenkte, und die er zusammen mit den Kindern aus zwei Ehen
in seinen Testamenten bedachte. Mit der westfälischen Heimat behielt er
auch geschäftliche Fühlung, was aus seinen Geschäftsbeziehungen zu zwei
Coesfelder Bürgern und einem Unnaer Bürger hervorgeht. Nun hätte er
selbstverständlich all’ diese verschiedenen Geschäftsverbindungen nicht
allein durchführen können; dafür hatte er Angestellte und verschiedene
Gesellschafter für die verschiedenen Zweige seines Geschäfts. Im Gewand-
haus besaß er einen Stand im unteren Stockwerk ziemlich regelmäßig,
jedoch hat er 1384 und dann in den letzten Jahren seines Lebens vom Mieten
eines solchen Standes abgesehen. Ganz falsch wäre bei ihm und so manchem
anderen Gewandschneider dieser Zeit die Vorstellung, als ob Werner Cus-
feld nun ständig selbst in Lübeck im Gewandhaus gestanden und mit der
Elle hantiert hätte. Dafür hatte er seine Angestellten. Und lange Zeit im
Jahre wird sein Gewandkasten im Gewandhaus geschlossen gewesen Sein.
Denn es wird jetzt möglich sein, ein zutreffendes Bild von der Ausübung
des Gewandschnitts zu geben: Gewandschnitt war in Lübeck bis zum
Ende des 14. Jahrhunderts im Geschäftsbetrieb desselben Kauf-
manns eine geschäftliche Funktion neben vielen anderen, nicht
mehr. Am wenigsten aber ein Beruf von selbständiger Bedeu-
tung?’). Wer von der Kaufmannschaft sich für das kommende Jahr Nutzen
aus dem Mieten eines Standes im Gewandhaus versprach, der tat es?8).
Es konnte ja von Vorteil sein, Tuchposten, die man im großen nicht los-
geworden war, im Gewandhaus zu verkaufen oder durch einen Angestellten
oder Mitgesellschafter — beides kommt vor — verkaufen zu lassen.
Und jetzt wird auch deutlich sein, wo der Fehler in der üblichen Lehr-
meinung über diese Dinge steckt, wenigstens wenn man sie auf Lübeck
anwenden will: in der falschen Akzentverteilung. Den Gewandschnitt, eine
verhältnismäßige Nebensächlichkeit im Gesamtbetriebe des Lübecker
Kaufmanns schon zu Ende des 13., vollends aber im 14. Jahrhundert,
betrachtet man immer noch als Hauptsache: wer Gewandschnitt trieb, war
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