230 VII Großhandel und Großhändler im Lübeck des 14. Jahrhunderts
spielte der baltische, und namentlich der Dorpater Kaufmann eine führende
Rolle. In jedem Sommer erschienen baltische Kaufleute in Lübeck, oder sie
ließen ihre in Lübeck eintreffenden Waren durch ihre ständigen Vertreter
am Platz verkaufen. Auch hier möchte ich nur eine Persönlichkeit heraus-
greifen: es ist der Dorpater Kaufmann und Ratsherr Tidemann Rutenbeke.
1338 kann ich ihn das erstemal in Lübeck nachweisen; dann regelmäßig von
Jahr zu Jahr — mit Ausnahme des Jahres 1343 — von 1341 bis zu seinem
1359 oder 1360 erfolgten Tode. 1359 war er noch in höchst erfolgreicher
Tätigkeit in Lübeck. Im Sommer 1359 lauten noch auf seinen Namen fünf
Eintragungen im Niederstadtbuch, die zusammen einen Wert von 2500 % 1.
ergeben, zu seinen Gunsten. Das sind Zeugnisse für den Verkauf seiner Ost-
waren auf Kredit. Daß er außerdem Bargeschäfte abschloß, von denen wir
keine Nachricht haben, bedarf keiner weiteren Begründung. Die Erträge
jener Barverkäufe wird er zum Einkauf von Westwaren, vor allem flandri-
schem Tuch, verwendet haben. Wenn er nach Dorpat zurückkehrte, war
sein Lübecker Geschäft damit nicht beendet. Angesehene Lübecker Firmen
hatten für die Zeit seiner Abwesenheit die Vollmacht zu seiner Vertretung.
In den ersten Jahren war es jener Johann Clingenberg in der Mengstraße,
von dessen und seines Schwagers Hermann Warendorp Hand das älteste
deutsche Kaufmannsbüchlein stammt. Ihm folgte ein Cusfeld. Von 1346 bis
1350 teilen sich mehrere Kaufleute in seine Vertretung: Johann Meteler mit
seinen socii, denn das sind vermutlich Hinrich Volmerstene, Tiderich de
Bokem und Hermann Boje. Auch Gerard Wrage tritt auf. Von 1351 bis zu
seinem Tode ist es dann auschließlich der jetzt Lübecker Ratsherr gewordene
Johann Meteler,
Unter den Kunden Tidemann Rutenbekes begegnen wir nun aber nicht
nur Lübecker Kaufleuten, sondern auch solchen aus westdeutschen Städten.
Unmittelbar an den Kölner oder Frankfurter Kaufmann konnte der Dor-
pater seine Waren absetzen. Noch gab es keine fremdenfeindlichen Maß-
nahmen, die dem, Gast‘, d.h. auf gut deutsch dem drangsalierten auswärtigen
Kaufmann, nur mit den Bürgern der Stadt Geschäfte erlaubten, in der das
Geschäft abgeschlossen wurde*?), Die Beziehungen nach West-, Süd- und
Mitteldeutschland, also die deutschen Landverbindungen des Lübecker
Kaufmanns, waren damals weit bedeutender, als man das annimmt. Es ist
eine Legende, wenn immer wieder angenommen wird, daß der
hansische und der innere deutsche Verkehr im Mittelalter
keine nennenswerten Berührungspunkte gehabt hätten. Wenn
bereits zu Ende des 12. Jahrhunderts Straßburger Kürschner nach Mainz
oder Köln ziehen, um hier für ihren Bischof die nötige Rauchware zu kaufen,
so ist diese Ware zweifellos vom Baltikum über Lübeck nach Mainz oder
Köln gekommen. Im 14. Jahrhundert kann über den regelmäßigen Transport
baltischer War: über Lübeck nach Mainz und vor allem nach Frankfurt jeden-