Full text: Hansische Beiträge zur deutschen Wirtschaftsgeschichte

VIII. Die Gründungsunternehmerstädte des 12. Jahrhunderts 245 
in allen inneren Verhältnissen der Stadt hinterlassen hat. Was für das 
Köln schon der ersten Hälfte des 12. Jahrhunderts als charakteristisch 
hervorzuheben ist, das ist die weitgehende Differenzierung in den Wert- 
verhältnissen des städtischen Grund und Bodens einerseits, in der wirt- 
schaftlich-sozialen Stellung seiner Bewohner andrerseits. Als Symptom 
seiner schöpferischen Energien war auf den Mauerbau hinzuweisen. 
Diesem Schöpfungsdrang standen aber im 12. Jahrhundert Möglichkeiten 
besonderer Art offen; denn dieses 12. Jahrhundert erlebte die großen wirt- 
schaftlichen Wandlungen, die sich aus den Kreuzzügen ergaben; dasselbe 
12. Jahrhundert erlebte ferner die Kolonisation des deutschen Ostens. So 
hatten der Süden und der Norden Europas fast in denselben Zeiträumen ihre 
Expansion nach dem Osten. Im Süden, im Mittelmeergebiet, standen hinter 
ihr als höchst aktive Nutzer der sich eben jetzt erschließenden neuen Mög- 
lichkeiten die italienischen Städte, vor allem Pisa, Genua und Venedig. 
Venedig längst eine selbständige politische Macht, Pisa und Genua gerade 
vor dem Beginn des ersten Kreuzzuges in den Besitz voller Autonomie ge- 
langt; in allen drei Städten, am ausgeprägtesten in Venedig, die politische 
Macht in den Händen grundbesitzender, aber zugleich kaufmännisch führender 
Familien und Persönlichkeiten. Im Norden ist das Bild dem des Südens 
nicht so unähnlich, wie man es zunächst erwarten möchte. Gewiß: an 
politisch-koloniale Machtentfaltung, wie sie Genua und Pisa, am glänzend- 
sten Venedig im Zusammenhang mit den Kreuzzügen getrieben haben, 
konnten auch die führenden Städte Altdeutschlands nicht denken; waren 
sie doch noch nicht einmal in ihren Städten selbst Träger der vollen politischen 
Macht. In den Ländern, die sich damals der deutschen Initiative neu er- 
schlossen, lagen die Hoheitsrechte in den Händen deutscher Fürsten und 
Herrn, oder auch der deutschen Einwanderung günstig gesinnter slawischer 
Fürsten, Städtische Neubildungen in dem bis dahin städtelosen Osten waren 
also nur in und unter dem Machtkreis irgendeines Herrn denkbar; zahlreiche 
Privilegien für einzelne Neugründungen legen ja hierfür Zeugnis ab. Es ist 
aber ein Irrtum, der allerdings weit verbreitet ist, deshalb bereits die ganze 
Initiative zur Entstehung von Städten im 12. Jahrhundert bei den Fürsten 
allein zu suchen. Noch größer wird dieser Irrtum, wenn man sich die Anfänge 
dieser neuen Städte so vorstellt, als ob eine gleichförmige, organlose Menge 
von Neusiedlern diesen Landesherren bei der Anlage der Städte gegenüber- 
gestanden hätte®). Man vergißt darüber, zu welchem Grade von Differenzierung 
es innerhalb der Bevölkerung der altdeutschen Fernhandelsstädte gekommen 
war, als der heutige deutsche Osten sich als Kolonisationsgebiet erschloß; 
man vergißt weiter, daß dieser sozialen Differenzierung eine wirtschaftliche 
entsprach; daß eben die bürgerliche Oberschicht der eigentliche Träger des 
Fernhandels war, Man vergißt endlich, daß schon vor der kolonisatorischen 
Erschließung das westdeutsche Bürgertum — natürlich wieder jene fern-
	        
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