246 VIIL Die Gründungsunternehmerstädte des 12. Jahrhunderts
händlerische Oberschicht — viel zu sehr bereits an dem Handel jenseits der
alten deutschen Volksgrenzen interessiert war, als daß es einem so um-
stürzenden Vorgang wie der Überziehung des neuen Kolonisationslandes
mit Städten untätig hätte gegenüberstehen können®). Gerade der an die wirt-
schaftlich ausgereifte Organisation seiner Heimatstädte gewohnte deutsche
Kaufmann wird am ehesten nach Schaffung ähnlicher Plätze im Ostsee-
gebiet verlangt haben, nachdem er erst erkannt hatte, was dort zu holen
war. Dieser bereits vorhandene Fernhandel der Deutschen im Ostseegebiet
einerseits, die heimatliche Gewöhnung seiner Träger an städtische Organisa-
tion andrerseits werden als die stärksten Triebfedern für die Erschließung
des Ostseegebiets durch deutsche Stadtanlagen anzusprechen sein”).
Hier muß ich einen Augenblick verweilen. In einer gesunden Reaktion
gegen eine Betrachtungsweise, die mit dem Begriff Stadt allzu verschwende-
risch umging, zu sehr seine politisch-administrative Bedeutung betonte, und
zu wenig die ökonomisch verschiedenen Voraussetzungen dieser „Städte“
berücksichtigte, hat Sombart die wirtschaftliche Unbedeutendheit der
großen Zahl der „Gründungsstädte‘‘ des 12. und 13. Jahrhunderts unter-
strichen. Sie seien Ackerbürgerstädte gewesen; soweit sie als Gewerbe-
städte und Handelsstädte anzusprechen seien, hätten sie nur Bedeutung
für einen ganz lokalen Absatzkreis gehabt. Gewiß hat Sombart damit für
eine große Zahl dieser Städte recht; ebenso wie er mit seinem Spott gegen
jene Forscher recht behält, die Städte aus Privilegien hervorgehen ließen.
Aber indem er eine Stadt wie Lübeck unter jene Städte rechnete, die dem
Ursprung nach ökonomisch als Dorf zu gelten hätten, verkennt er den
wesentlichen Unterschied, der Lübeck von so vielen anderen kleineren
Gründungen im Osten unterscheidet: daß nämlich diese Stadt von vorn-
herein, zum mindesten seit der Neugründung unter Heinrich dem Löwen,
durch die organisatorischen Bedürfnisse eines bereits vorhandenen Fern-
handels ins Leben gerufen ist.
In seiner klassischen Abhandlung über die ‚„Stadt‘‘ berührt Max Weber
auch den Typ der Händlerstadt, d. h. jener Stadt, „bei welcher die Kauf-
kraft ihrer Großkonsumenten auf der fernhändlerischen Tätigkeit dieser
Schicht beruht‘. Eine Stadt solcher Art war nun von den Anfängen an
Lübeck. Es zeugt von dem wirtschaftlichen Aufschwung des Bürgertums,
daß es jetzt selbst jene für das Entstehen von Städten unentbehrliche
Schicht aufnahmefähiger Konsumenten hergeben konnte; es bedurfte nicht
mehr, wie in den Jahrhunderten vorher, der Aufnahmefähigkeit von Grund-
herrn und ihres Anhangs, damit sich unter ihrem Schatten die bescheidenen
Anfänge städtischer Siedlung entfalteten. Aber ebenso selbstverständlich
war, daß diese in altdeutschen Städten an den Genuß der wirtschaftlichen
und politischen Vorherrschaft gewöhnte fernhändlerische Oberschicht jetzt,
als sie zu Neugründungen schritt, sich bei dem Vorgang dieser Neugrün-