V. Die Hanse und die nordischen Länder
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Aber es war nur das Geschick in der Ausnutzung der Fehler eines hoch-
fahrenden Mannes, das diesen letzten großen Erfolg bedingte, zu seiner Be-
hauptung fehlten nur allzusehr die Grundlagen. Deshalb der plötzliche Um-
schlag. Nicht unbeteiligt an ihm ist allerdings die kurzsichtige, so gar nicht an
die lübische Politik der besten Zeit erinnernde kleinliche Gewinnsucht, mit
der man aus Gustav Wasa herauszupressen suchte, was nur herauszuholen
war. Das Kapital des Dankes, das bei ihm gewiß vorhanden war, wurde auf
diese Weise nur allzuschnell verzehrt. Die Folge war zunächst die Verbindung
Gustav Wasas mit Lübecks schärfsten Konkurrenten, den Niederländern;
die zweite, herausgefordert durch kurzsichtige Maßnahmen der Lübecker
Volkspartei, die Aufhebung der Lübecker Privilegien in Schweden. Der ver-
wegene Versuch, in Dänemark und Schweden gleichzeitig eine neue, von
Lübeck abhängige staatliche Ordnung zu schaffen, endete mit dem Zu-
sammenbruch der Macht Lübecks und der wenigen Städte, die zu ihm hielten.
Es ist von symbolischer Bedeutung: aus dem Sunde, dem hansischen Schick-
salswasser, kehrte im Spätherbst 1535 erfolglos und ruhmlos die letzte von
mehreren Städten ausgerüstete hansische Kriegsflotte zurück. Von da ab gab
es keine, mehrere Städte umfassende kriegerische Aktion mehr. Als Faktoren
untergeordneter Bedeutung führten die einzelnen isolierten Städte seitdem
ihr politisches Dasein im Schatten der neuen, als Nationalstaaten in sich
pefestigten nordischen Mächte.
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Es mag scheinen, daß ich unverhältnismäßig lange bei der Frage der
zeographischen Lage Dänemarks und ihren politischen Folgen für die Hanse
verweilt habe, sie ist aber vom hansischen Gesichtspunkt aus die entschei-
dende Frage überhaupt, so entscheidend, daß auf ihr sich eigentlich die ganze
politische Geschichte der Hanse aufbaut. Bei einem so ausgesprochen wirt-
schaftlich gerichteten Verbande, wie es die Hanse gewesen ist, wird man aller-
dings zunächst ein Eingehen auf die wirtschaftlichen, in unserm Falle in
erster Linie die Handelsbeziehungen mit den nordischen Ländern erwarten.
Da ist nun hervorzuheben, daß die einzelnen nordischen Länder in sehr ver-
schiedenartigen Handelsbeziehungen zur Hanse gestanden haben. Gerade bei
Dänemark, das für die politische Geschichte der Hanse eine so überragende
Rolle spielt, tritt die Bedeutung des hansisch-dänischen Handels ungemein
zurück hinter die seiner geographischen Lage. Dazu ging die wichtigste
Ware Dänemarks, nämlich seine Ochsen, jährlich zu Fuß in langen Zügen
bis zu 50000 Stück auf den berühmten Ochsenwegen durch Holstein über
Hamburg aus dem Lande. Für die größere hansische Schiffahrt kam der
dänische Handel kaum in Betracht; dagegen beschäftigte er zahlreiche kleine
Küstenfahrzeuge, namentlich im Verkehr mit Rostock. Die Schiffstypen im
Rostocker Hafen geben heute noch die Möglichkeit, sich ein Bild dieser