VII. Die Gründungsunternehmerstädte des 12. Jahrhunderts 253
Wien und Lübeck bewegen wir uns auf Kolonialland; größer ist das Risiko,
größer der Gewinn. Vor allem aber: Lübeck und Wien sind aus weit stärkeren
wirtschaftlichen Impulsen erwachsen, als Freiburg i. Br. Jenes Lübeck,
das 1158 wirklich von Grund aus neu angelegt wurde?®®), die eigentliche Kauf-
mannsstadt um den heutigen Markt und hinab zur Trave, hätte trotz aller
Privilegien Heinrichs des Löwen niemals entstehen können, wenn hinter
dieser Neugründung nicht die planvolle Stoßkraft des westdeutschen Bürger-
tums und zwar seiner fernhändlerischen Oberschicht gestanden hätte.
Nicht um die Gründung einer Stadt neben anderen handelt es sich bei
Lübecks Gründung, sondern um den bewußten Beginn eines weitschauenden
wirtschaftspolitischen Programms, das zunächst auf die Gewinnung der
wirtschaftlichen Vorherrschaft des deutschen Kaufmanns auf der Ostsee
zielte. In der klaren Erkenntnis, daß die eigene Überlegenheit auf städtischer
Siedlung nach deutschem Muster beruhte, begann die wirtschaftliche Er-
oberung der Ostsee mit der Gründung Lübecks an ihrer südwestlichen Ecke.
Dabei blieb man nicht stehen, sondern unabhängig von den Machtgebieten
der einzelnen Fürsten und Herrn entstanden jetzt im Dienste derselben
Idee und getragen von denselben Kräften weitere Gründungen der gleichen
Art. Zunächst die in ihrer Gesamtanlage vielleicht imponierendste, wenn
auch heute nur ihre Trümmer eindringlich von einstiger Größe reden, die
deutsche Stadt Wisby auf Gotland; zweifellos eine bürgerlich-kaufmännische
Gründung aus der 2. Hälfte des 12. Jahrhunderts?). Nicht überall im Ost-
seegebiet konnte sich der Kaufmann bei seiner Städtegründung so frei
bewegen, wie auf Gotland. Schon die Vorgänge bei der Gründung des für
ihn so wichtigen Platzes Riga zeigen, daß hier eine Persönlichkeit wie
Bischof Albert den Versuch machte, stadtherrliche Rechte in einem
Umfang aufzurichten, der mehr an die Bischofsstädte Altdeutschlands, als
an Lübeck erinnerte. Aber wenn schon wenige 20 Jahre später die Stadt sich
als politisch selbständiger Faktor neben Bischof und Orden durchzusetzen
versteht, wenn hier aus den seniores, eben damals angesehenen Persönlich-
keiten aus den Kreisen der Fernhändler, der Rat hervorgeht; wenn sich
auch hier von vornherein der Gegensatz dieser Schicht den Handwerkern
gegenüber zeigt®°), so wird die Vermutung nicht unbegründet sein, daß
auch hier ein Unternehmerkonsortium am Werke war®%). Zu einer ähnlichen
Vermutung führt ein Blick in die ältesten Grundbücher von Reval: hier ist
es das Eigentum angesehener ratsfähiger Familien an hochwertigen Markt-
baulichkeiten, das nach derselben Richtung weist??). Hier wie auch bei der
dritten großen baltischen Stadt, bei dem zwischen 1224 und 1250 entstan-
denen Dorpat bleibt noch des Problematischen genug; die Entstehung dieser
Städte, ebenso der von Stockholm*?*) und Kalmar, der willkommenen Etappe
auf der Fahrt nach Wisby und Stockholm, liegt ja aber zeitlich bereits
jenseits der für diesen Vortrag gezogenen Grenze. Der Hinweis auf sie ist