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II. Der Markt von Lübeck
des freien Verkehrs werden und damit den Kreis der Unternehmerfamilien
verlassen. Wie die statistischen Feststellungen des nächsten Abschnitts noch
näher erhärten werden: zu Ende des 13. Jahrhunderts verfügen über Markt-
budeneigentum Familien, die nichts mit dem Rate zu tun haben, ebenso wie
es zahlreiche Ratsmitglieder gibt, die kein Marktbudeneigentum aufzuweisen
haben. Privates Marktbudeneigentum und Ratsmitgliedschaft sind wie zwei
Kreise, die sich einstmals deckten, dann aber ihre Mittelpunkte immer mehr
verschieben, bis ihre Flächen späterhin sich nur noch mit geringen Bruch-
teilen berühren.
Aus der Entwicklung der Eigentumsverhältnisse der Marktbaulichkeiten
Jäßt sich die Baugeschichte des Marktes demnach etwa so darstellen. Die
Gesamtheit der Marktbaulichkeiten des ältesten Marktteiles — also mit
Ausschluß des Marienkirchhofes — wurden von der Unternehmervereinigung
hergestellt und waren wie auch ihr im Zusammenhang mit den Verkaufs-
buden aufgeführtes Beratungshaus ihr Eigentum. Die an der wirtschaft-
lichen Nutzung interessierten Handwerker, Krämer und Gewandschneider
erhielten die einzelnen Buden und Verkaufsplätze mietweise überlassen®*).
Als sich um das Jahr 1200 die Unternehmervereinigung zum Rat entwickelt,
geht das Eigentum am Haus der Unternehmervereinigung, an den Verkaufs-
plätzen der Gewandschneider, Bäcker und Fleischer an die Stadt über,
während alle übrigen Marktbuden nunmehr den einzelnen zu dem ehemaligen
Unternehmerkonsortium gehörenden Familien als frei verfügbares Privat-
eigentum zufallen. Von diesem Zeitpunktan ist der weitere Ausbau
des Marktes ausschließlich Sache des Rates; in der Folgezeit
entstehen nur noch Marktbaulichkeiten in städtischem Eigen-
tum. Der Rat veranlaßt den Bau der beiden Langhäuser des Blocks XVI,
verlegt die Verkaufsplätze der Fleischer nach Block XXIII, späterhin auch
die der Bäcker nach Block XIII, er verlängert die Flucht der Marktbuden
nach der Breiten Straße um Block XX, bereitet 1285 die Überbauung der
Blocks II, IV und VI mit den Filzerbuden durch Anlage der beiden testudines
vor und legt die Verkaufsstände der Goldschmiede in Block XVII an. Der
Initiative des Rats ist dann vor allem der Ausbau des Marienkirchhofes zu
einem „Neumarkt“ zu verdanken. In der ersten Hälfte des 14. Jahrhunderts
erreicht diese Tätigkeit ihren Abschluß, alles verfügbare Gelände ist heran-
gezogen. Im Zusammenhang mit diesen zahlreichen Umgruppierungen
wandert das Rathaus hinüber vom ehemaligen Haus des Unternehmer-
konsortiums in den ersten Stock des Langhauses in der Breiten Straße,
vermutlich sofort nach seiner Vollendung, so daß bereits bei der Ausführung
des Langhauses an der Breiten Straße die Benutzung des ersten Stockes für
Rat, Gericht und Verwaltung vorgesehen sein wird.
Aufs deutlichste sind also — das lehren die Eigentumsverhältnisse —
privates und städtisches Marktbudeneigentum in ihrer zeitlichen Folge