Full text: Gesellschaftslehre

Die Bewertung des Mitmenschen. 
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neigt dazu, dem seinen einen möglichst niedrigen Wert beizulegen. Es 
würde jedoch eine zu einfache Annahme sein, daß die Liebe stets Unter- 
ordnung unter ihren Gegenstand in der Bewertung und der Haß stets 
Überordnung über ihn mit sich bringt. Vielmehr kann sich tatsächlich 
mit der Liebe sowohl Über- wie Gleich- wie Unterordnung verbinden; und 
dasselbe gilt für den Haß. Endlich existiert neben Liebe und Haß noch 
eine dritte Gesinnung, diejenige der Unparteilichkeit oder Ach- 
tung, welche ihrem Gegenstande gerade das Seine, nicht mehr und nicht 
weniger, zukommen lassen will. Der Sachverhalt ist also verwickelt. 
Es sind zwei Reihen von Tatbeständen oder zwei Richtungen der 
Veränderlichkeit zu unterscheiden: Erstens dieGesinnungen, 
die in einer noch zu erörternden Weise bestimmte Dispositionen für die 
Bewertung, bestimmte Bewertungsbereitschaften in sich enthalten. Und 
zweitens die tatsächlichen Bewertungen selber, wie 
sie hervorgehen aus dem Eindruck der Persönlichkeit und aus den Erfah- 
rungen über sie (d. h. den Tatsachen und deren Auffassung). Verarbei- 
tung und Auffassung. werden dabei wesentlich mitbestimmt durch die 
jeweilige Gesinnung, welche den gegebenen Rohstoff der äußeren Tat- 
sachen in eine jeweilige besondere Form bringt. So erhält die Bewertung, 
gleichviel für welche von den drei verschiedenen Möglichkeiten sie sich 
entscheidet, durch die jeweilige Gesinnung jedesmal ihre spezifische Fär- 
bung. Höhere Schägung einer Person z. B. (oder einer Gruppe) ist 
jeweilig eine verschiedene Haltung, je nachdem sie im Zusammenhang 
der Gesinnung der Liehe oder des Hasses oder der Unparteilichkeit auf- 
tritt. 
2. Die Gesinnung der Liebe umfaßt auch andere Fälle der Liebe 
als die Geschlechtsliebe, sowie diese ihrerseits mehr als den bloßen 
Sexualtrieb bedeutet. Schon Plato hat beides in seiner Lehre vom Eros 
erkannt: der Eros als Geschlechtsliebe ist mehr als bloße Sinnlichkeit 
und kann sich auch als rein geistige Liebe andern Objekten, sowohl Men- 
schen wie geistigen Gütern wie der Gottheit, zuwenden. Liebe ist eine 
leste nicht weiter zurückführbare Tatsache. Ihr Wesen kann man daher 
nicht mit Hilfe anderer Begriffe bestimmen, also nicht definieren, son- 
dern nur in der inneren Anschauung erfassen und nur durch Hinweise 
kennzeichnen. Angenähert kann sie charakterisiert werden als eine be- 
sondere Empfänglichkeit für das Gute oder Wertvolle in ihrem Gegen- 
stande: Liebe idealisiert ihren Gegenstand; sie erfaßt ihn „in seinem 
terminus ad quem“‘ (Scheler S. 28). Man darf aber nicht meinen, dieses 
Idealisieren beruhe auf einem Irrtum; es entspränge aus einer Blindheit, 
die die Mängel an ihrem Gegenstand nicht sieht. Gewiß kommt eine 
solche Blindheit vor. aber sie ist nicht gleichbedeutend mit der reinen
	        
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