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oder bei einem Streit zwischen Gelehrten, bei denen diese Unfähigkeit,
die Meinung und Leistung des andern richtig zu verstehen, gegen die
sonstige Objektivität des Denkens grell absticht. Die ganze Haltung ist
beim Kampfe darauf gerichtet, einerseits den Gegner zu „schädigen“, an-
dererseits aber innerlich von ihm „abzurücken‘“, und der Wille zur
Trennung bedeutet zugleich ein Verlöschen des Willens, sich zu verstehen,
weil jedes Verstehen ein Erfassen des andern und gleichsam ein dauerndes
Festhalten. seiner bedeutet. Die mit dem Kampf verbundene Trübung
des Erkenntniswillens macht sich auch nach innen bemerklich: gerade beim
Kampfe ist die Selbsterkenntnis, d. h. das Verstehen der tieferen Schich-
ten des Ich, besonders erschwert. Die Streitenden sind sich meist nur des
relativ zufälligen Anlasses bewußt, nach dessen etwaiger Beseitigung
dann der alte Zwist alsbald wieder auflodert.
So wenig man sagen kann, die Liebe herrscht in der Gemeinschaft
schlechtweg, so wenig kann man sagen, der Haß richtet sich gegen Fremde
schlechtweg. Der Fremde, sei es ein Einzelner, sei es eine Gruppe.
wird von Haus aus als gleichgültig empfunden und behandelt. Nur wo
er sich eindrängt in einer bedrohlichen Weise, da erregt er Haß.
Auch hier kann man sagen: schwere dauernde Bedrohung der vitalen
oder sozialen oder geistigen Existenz vermag Haß zu erwecken. Na-
türlich kommt es dabei darauf an, daß die Situation wirklich in
dieser Art aufgefaßt wird: außer den objektiven sprechen auch sub-
jektive Faktoren mit. Wer sich nicht wehren kann, wird leichter dem
Haß zum Opfer fallen, als wer im Kampfe eine Ablenkung findet. Im
Kriege wird der Haß, wie auch der legte Krieg gezeigt hat, eher hinter
der Front, bei denjenigen, die abwarten müssen, als bei der kämpfenden
Truppe selber erwachen. Wenn ferner schwere Kämpfe unter Nahe-
stehenden, wie etwa in der Familie, besonders leidenschaftlichen
Haß erwecken können, so liegt der Grund dafür offenbar darin, daß die
Beteiligten. sich hier in den innersten Kreisen ihres Lebens und damit
in einer besonders empfindlichen Weise bedroht fühlen. Wenn ander-
seits ebenso unter völlig Fremden, wie die Beziehungen zwischen
Weißen und Farbigen leider oft zeigen, der Haß hesonders günstige Be-
dingungen findet, so wirkt hier die zwischen den Beteiligten bestehende
Fremdheit offenbar in der Weise mit, daß der Maßstab besonders streng
ist, sofern dem Fremden, ähnlich wie einem Tiere, keinerlei Recht gegen-
über den eigenen Interessen zugestanden wird. —
Die Bewertung des Mitmenschen.
5. Als eine dritte Haltung haben wir neben der Liebe und dem Haß
die Unparteilichkeit oder Gerechtigkeit zu betrachten. Sie will.
wie schon gesagt, ihrem Gegenstande weder zuviel noch zu wenig geben,
sondern ihm eben ..gerecht‘“ werden. Man darf die Unpnarteilichkeit nicht